Geschichten für den Hafen

Wo schlägt eigentlich das Herz der Bremer Überseestadt? Manche sagen: im Golden City. Die Bar ist nur ein paar Monate im Jahr geöffnet und in kurzer Zeit zum Kultlokal geworden. Geschafft hat sie das nicht durch edle Ausstattung oder moderne Architektur. Im Gegenteil: Die Gäste sitzen unter Ölfässern auf Plastikstühlen — und lieben es.

Wie war das früher in den 50ern? Als die Schiffe noch in Dreierreihen am Kai des Überseehafens lagen und neben Waren auch Matrosen – und deren Lohn – in die Stadt brachten. Damals, zu den goldenen Zeiten des Hafens, reihten sich im Stadtteil Walle Hafenkneipen wie das Arizona, die Krokodilbar oder der Elefant aneinander. Eine Vergnügungsmeile sproß, die sündig, verrucht und hip war. Eine der Kneipen, in denen bis in die Morgenstunden musiziert, gefeiert und geknutscht wurde, war das Golden City. An sie erinnert das provisorische Häuschen, das bis September in der Überseestadt steht.

Das Golden City am Europahafen Bremen

Die Hafenbar Golden City geht in ihre zweite Saison: Mehr als 10.000 Euro haben Fans für das Kulturprojekt gespendet.

Aus Brettern, Türen und Fässern hat das Team um Künstlerin Frauke Wilhelm eine kleine feine Bar gebaut. Bei einem Programm aus Shows und Liedern von Lale bis Hilde sollen unterschiedlichste Leute zusammentreffen: Feierlaunige, alte Seebären oder Businessmenschen aus der schicken Nachbarschaft. Das Golden City sei ein Kulturprojekt, das dem blank polierten Neubaugebiet genau das bringe, was sie so dringend braucht, sagt Frauke Wilhelm: Herz.

Ramone, Rammon, Rammé  -- Künstler im Golden City

Die Bühnenfiguren Wirtin Ramona (Mitte), Kleinunternehmer Ramon (rechts) und Kiezlegende Rammé bringen den Charme der 50er in die Überseestadt.

Und das rührt sich bald, als betagte Zeitzeugen heute in der Erzählrunde berichten, wie es auch war, damals an der Küste. Wie Kinder Mangelware Öl oder Kohle klauten und Erwachsene Kaffeebohnen, Schnaps oder Nylonstrümpfe schmuggelten, versteckt in Büstenhaltern und Hochsteckfrisuren. Bei Erdbeerkuchen und Kaffee erinnern sie sich, dass die Nächte länger und die Familien kinderreicher wurden. „Die Mütter hatten zum Teil keine andere Wahl, als neue Beziehungen einzugehen, weil ihre Ehemänner nicht aus dem Krieg zurückkehrten“, sagt einer. „Wir hatten in Walle ein Auge aufeinander, passten gegenseitig auf uns auf“, sagt eine andere. Man musste pfiffig und erfinderisch sein – plietsch würde man im Norddeutschen sagen.

Schnaps und Kaffee im Golden City

Mit Bildern, Infos und Schlagern erinnert das Golden City an die Glanzzeit des Bremer Hafens. Damals Mangelware: Schnaps und Kaffee

Siegfried war Taxifahrer, fuhr Prostituierte und Freier zum Festpreis und klingelte gelegentlich, wenn die vereinbarte Zeit für das Schäferstündchen vorbei war. Der 76-Jährige ist Stammgast im Golden City und meistens dabei, wenn Ramona, Ramon und Rammé auf der Bühne stehen. Rammé, stolze 80 Jahre alt, hat schon als Teenager für Amerikaner in der Kaserne gespielt. Und später, so sagt er, habe ihn so manche Barfrau aufgeklärt.

Stammgast Siegfried im Golden City

Sieht aus wie ein Seemann, war aber Taxifahrer: Siegfried ist Stammgast im Golden City und kann so manche Hafengeschichte erzählen.

Frauke Wilhelm kennt viele dieser Geschichten. Immer wieder sind sie ihr in Walle zugetragen worden, bis sie die Musikerin und Kulturpädagogin in einem Buch niedergeschrieben hat. 2013 gründet sie das Kulturprojekt Golden City mit Spenden durch eine Crowdfunding-Kampagne. Für diese Saison kamen mehr als 10.000 Euro zusammen, um die Spelunke bis September in ihren zweiten Sommer zu schicken. Für Hafenfans längst nicht mehr wegzudenken, hoffen wir auf viele, viele weitere!

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