Süßer die Glocke nie klingt – ein Schuhkarton als Resonanzkörper

Sie schmiegt sich an die Südflanke des Doms und fügt sich hanseatisch zurückhaltend in das Gebäude-Ensemble rund um die Domsheide ein, sticht aber mit ihrem auffälligen Treppengiebel doch hervor. Die Glocke – Bremens zentraler Konzertsaal, den einst der weltbekannte Dirigent Herbert von Karajan unter die besten drei Europas zählte. Dass Zurückhaltung weder akustisch noch architektonisch Not tut, durfte ich in der vergangenen Woche herausfinden.

Pressesprecher Carsten Preisler empfängt mich im Foyer. Erst einmal hat er einen ganze Stapel Infomaterial zum Haus dabei. „Dann kann ich ja wieder gehen“, sage ich lachend, nachdem ich Büchlein, Prospekte und Infoblätter angenommen habe. Carsten Preisler findet das auch lustig, wandert dann aber doch mit mir los, um mir alles zu zeigen.

Im Art déco-Stil wie die Gebäude in New York City

Wir sind durch das während der Sanierung zwischen 1995 und 97 angebaute rechtsliegende Treppenhaus in den Großen Saal gelangt. Auf der Bühne wird gerade alles für die nächste Vorstellung vorbereitet. Carsten Preisler und ich sprechen über den Saal, als wenn er ein Kunstgemälde wäre – und irgendwie ist er das auch. Die Farbpalette reicht von dunkelbraunen, fast schwarzen Holztönen über bordeauxrote Sitzbezüge und sanftes Lindgrün an den Wänden bis zur cremefarbenen Decke. Der Verlauf von unten dunkel nach oben hell ist sofort erkennbar und folgt eindeutig ästhetischen Grundregeln. Die Stilbezeichnung des Art déco fällt mehrfach und ich frage nach, was diesen Stil eigentlich auszeichnet. „Edle Materialien, klare Farben, elegante Formen“, zählt Herr Preisler auf. Ja, das trifft zu, stelle ich schnell fest.

Wie ein Gemälde aus einer anderen Zeit - klare Formen, edle Materialien, klassische Farbgebung: Ganz eindeutig Art déco

Wie ein Gemälde aus einer anderen Zeit – klare Formen, edle Materialien, klassische Farbgebung: Ganz eindeutig Art déco

Die Vertäfelung des Saals glänzt übrigens deshalb so, weil sie mit Schelllack überzogen ist. Edel eben – und irgendwie auch direkt eine Referenz an die Instrument, die diesen Saal regelmäßig mit Klängen füllen. Die sind nämlich auch oft mit Schelllack überzogen. Während wir noch über Art déco sprechen, fällt mein Blick auf die integrierte Beleuchtung rechts und links der Flügeltüren entlang der Saalflanken. Ihre Form erinnert mich sofort an das Empire State Building und das Chrysler Building in New York und ein nächster Gedanke bringt mich darauf, dass auch diese im Art déco-Stil und ebenfalls Ende der 1920er Jahre erbaut wurden. Ha! Ich mag das Entdecken von Zusammenhängen.

New York der 20er Jahre lässt grüßen - wenn die Lampen mal nicht an das Empire State Building erinnern

New York der 20er Jahre lässt grüßen – wenn die Lampen mal nicht an das Empire State Building erinnern

Zentralere Lage geht nicht: Der Blick vom Großen Saal auf die Domsheide

Zentralere Lage geht nicht: Der Blick vom Großen Saal auf die Domsheide

Der ganze Saal „schwebt“

Aber in so einem Konzertsaal geht es natürlich in erster Linie ums Hören. Ich höre gerade, wie Carsten Preisler sagt: „Der gesamte Saal ist quasi ein Resonanzkörper, der mitschwingt. Die Decke zum Beispiel ist gehängt und liegt nur an wenigen Stellen auf.“ Wie bitte? Die gesamte Decke ist nur aufgehängt? Das kann ich mir irgendwie nicht vorstellen – darf ich das sehen? Ich darf – Herr Preisler ruft einen Techniker herbei und der führt uns ein Treppenhaus hinauf auf den Dachboden. Die steilen Holzstiegen, die uns hier empfangen, sind nichts für Höhenängstige, aber zum Glück bin ich einigermaßen unempfindlich. Noch eine schmale Holztreppe hinauf geklettert und schon finde ich mich auf einer Art Stahlrahmengerüst mit Brüstung direkt unterm Spitzdach der Glocke wieder. Zwielichtig fällt der Schein der Wintersonne durch das einzige Fenster, das gen Süden zeigt, ganz oben unterm Giebel. Ein leichter Staubschummer liegt in der Luft und ich warte förmlich darauf, dass mir gleich eine Fledermaus um den Kopf fliegt. Doch Tiere habe er hier oben noch nicht gesehen, sagt der Techniker. Muss auch gar nicht, die Aufhängkonstruktion der Decke beeindruckt mich auch ohne umfliegende Fledermäuse schon sehr.

Die Aufhängung der Saaldecke unterm Dach - sehr beeindruckend!AC

Die Aufhängung der Saaldecke unterm Dach – sehr beeindruckend!

Wir werfen noch einen Blick in den hinteren Teil des Dachstuhls. Hier herrschen recht tropische Temperaturen – „Ha“, lacht der Techniker: „Dann setzen Sie sich hier mal hin, wenn gerade zwei Stunden unter uns die Scheinwerfer für eine Vorstellung an waren.“ Wir befinden uns nämlich nun direkt über der Bühne, um uns herum lauter Motorzüge für die Scheinwerfer-Aufhängungen.

Im Raum über der Bühne ist es muckelig warm - auch, wenn die Scheinwerfer gar nicht an sind

Im Raum über der Bühne ist es muckelig warm – auch, wenn die Scheinwerfer gar nicht an sind

Klein aber ebenso fein

Wir steigen die schmalen Treppen wieder hinab. Herr Preisler zeigt mir nun den Kleinen Saal, in dem gerade für eine Kindervorführung geprobt wird. Vom Balkon aus schauen wir uns die Gestaltung an. Der Saal ist ebenso wie der große Raum im sogenannten Schuhkarton-Format erbaut. „Die Bezeichnung stammt natürlich von der Bauform“, erklärt mir Carsten Preisler. „Es gibt noch das Weinberg-Prinzip, aber der Schuhkarton gilt immer noch als die beste Form für die Akustik in Konzertsälen.“ Im kleinen Saal finden in der Regel Kammerkonzerte und andere kleinere Konzerte statt, die nicht so viel Publikum ziehen.

Der Kleine Saal - auch im Art déco-Stil, aber etwas verspielter. Hier finden etwa 430 Gäste Platz

Der Kleine Saal – auch im Art déco-Stil, aber etwas verspielter. Hier finden etwa 430 Gäste Platz

Weltruhm in der Szene

Künstler aus aller Welt haben auf der Bühne des Großen Saals schon performt. Die meisten waren voll des Lobes für die Akustik des Saals. Carsten Preisler erzählt, dass der britische Dirigent Christopher Hogwood mal gesagt habe: „It looks like a bathroom, but it sounds great.“ Andere bezeichneten den Raumklang als „warm“ (Cecilia Bartoli, italienische Mezzosopranistin) und „samtig weich“ (Emma Kirkby, britische Sporanistin) und Max Raabe sagte: „Eine Akustik, wie ich sie nur aus dem Goldsaal in Wien kenne.“ Die britische Sopranistin Dame Margaret Price lobte schließlich schlicht und ergreifend: „Die Glocke ist für Sänger der beste Saal der Welt!“

Die Liste der international bekannten Gäste ist lang. Namen wie Heinz Ehrhardt, Herbert von Karajan, Yehudi Menuhin, Zarah Leander, Louis Armstrong, Edith Piaf, Karel Gott, ABBA, Keith Jarrett und Nana Mouskouri sind bis Ende der 1970 Jahre hier zu finde. Die Bremer Philharmoniker und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen geben auch heute noch regelmäßig Konzerte.

So in etwa sehen die Künstlerinnen und Künstler den Großen Saal

So in etwa sehen die Künstlerinnen und Künstler den Großen Saal

Die zweitgrößte Orgel Bremens und verwandt mit der im Dom - beide gebaut von der Firma W. Sauer. Diese hier findet sich auf der Bühne des Großen Saals

Die zweitgrößte Orgel Bremens und verwandt mit der im Dom – beide gebaut von der Firma W. Sauer. Diese hier findet sich auf der Bühne des Großen Saals

Geschichte, Geschichte

Die Geschichte der Glocke reicht übrigens bis ins frühe Mittelalter zurück. Der seitliche Domanbau findet bereits im 9. Jahrhundert Erwähnung und war Teil des Klosters. Im 19. Jahrhundert schließlich wurde das Gebäude dann zum Konzertsaal umfunktioniert. 1915 ereilte den Komplex durch einen Großbrand das vorübergehende Ende, bis es 1928 im bis heute erhaltenen Stil wiedereröffnet wurde (Architekt war Walter Görig) und bis 1944 bespielt wurde. Die Glocke blieb von Bombenangriffen weitestgehend verschont, wurde nach dem Krieg kurzzeitig als Kino genutzt und ging schließlich wieder in den städtischen Besitz über. Mitte der 90er Jahre wurde das Haus schließlich saniert und ist seitdem weiterhin Anlaufstätte für bekannte Solisten und Orchester der ganzen Welt.

Das obere Foyer - von hieraus geht es in den Großen Saal

Das obere Foyer – von hieraus geht es in den Großen Saal

Ob an diesem Ort wirklich mal eine Glocke installiert war, ist nicht überliefert - zumindest eine in Stein gemeißelt findet man heute direkt überm Eingang

Ob an diesem Ort wirklich mal eine Glocke installiert war, ist nicht überliefert – zumindest eine in Stein gemeißelt findet man heute direkt überm Eingang

Nachdem wir unseren Rundgang beendet haben, trete ich aus dem Gebäude in das strahlende Wintersonnenlicht. Der Name des Konzerthauses geht übrigens auf ein kleines, achteckiges Gebäude zurück, das an der Ostseite des Doms im 15. Jahrhundert errichtet wurde. Dieses Oktogon war mit einer glockenförmigen Kuppel bedacht und wurde vermutlich aus diesem Grund „die Glocke“ genannt. Eventuell hing hier auch eine Glocke. Genaueres ist nicht überliefert – so finde ich es in all dem Material, das mir Herr Preisler mitgegeben hat. Nach dem Wiederaufbau und der Eröffnung 1928 wurde das Gebäude dann offiziell als „Die Glocke“ eingeweiht und seitdem unter diesem Namen vermarktet. Ich schaue mir noch ein bisschen die auffällige Fassade an, dann laufe ich zu meinem Rad zurück. Die Dom-Glocken schlagen zur vollen Stunde.

Auffällige Fassade - erstmals ist sie in einer Zeichnung von Johann Daniel Heinbach von 1759 zu erkennen

Auffällige Fassade – erstmals ist sie in einer Zeichnung von Johann Daniel Heinbach von 1759 zu erkennen

In die Form des Giebels ließe sich mit etwas Fantasie auch eine Glocke hineininterpretieren

In die Form des Giebels ließe sich mit etwas Fantasie auch eine Glocke hineininterpretieren

3 Anmerkungen zu “Süßer die Glocke nie klingt – ein Schuhkarton als Resonanzkörper

  1. Jochen Kreß says:

    Die gute Akustik kann ich im Prinzip nur bestätigen. Gerade gestern war ich mal wieder in der Glocke. Was allerdings wirklich stört, und das nicht nur gestern, sondern bei jeder Veranstaltung ist der Lärm durch die Straßenbahnen. Das ist ein Rumpeln, was den ganzen Raum erfüllt und einen von der Musik tatsächlich ablenkt. Da müsste eigentlich was gemacht werden, denn der Musikgenuss leidet empfindlich.

  2. Oje, diesen Hinweis haben wir an die Glocke weitergeleitet. Wir sind da leider machtlos.

  3. Carsten Preisler says:

    Die Glocke und die angrenzende Domsheide mit ihren Straßenbahngleisen sind buchstäblich auf Sand gebaut, der leider den durch die Gleisnutzung entstehenden Lärm gut überträgt und dadurch auch in der Glocke spürbar werden lässt. Die Glocke befindet sich seit Jahren im aktiven Dialog mit Vertretern der Stadt Bremen, der BSAG und Akustikern, um zu abzustimmen, mit welchen Mitteln sich dieses Problem beheben lassen könnte. Derzeit ist der Sachstand, dass nur eine aufwändige bautechnische Lösung Abhilfe schaffen könnte, die bisher aber an den damit verbundenen hohen Kosten, die auf einen rund siebenstelligen Betrag geschätzt werden, gescheitert ist. Von der Glocke parallel durchgeführte Maßnahmen wie der vollständige Austausch der Verglasung zur Domsheide erbrachten leider keine deutliche Verbesserung. Mit der BSAG wurde aber zudem vereinbart, dass die Schienen vor dem Konzerthaus regelmäßig geschliffen werden, um die Lärmbelästigung so gering wie möglich zu halten. Auch sind die Straßenbahnfahrer angehalten, in den Abendstunden das Fahrtempo auf der Domsheide zu reduzieren. Die Glocke wird weiterhin in regelmäßigen Abständen in Zusammenarbeit mit der BSAG prüfen, ob sich möglicherweise aufgrund der Weiterentwicklung von lärmreduzierenden Maßnahmen neue Optionen für eine Verbesserung der Situation ergeben. In dem besonderen Fall der Glocke lässt sich abschließend nur sagen, dass die gute Erreichbarkeit mit dem Straßenbahnknotenpunkt direkt vor dem Haus (bisher) leider Fluch und Segen zugleich ist…

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