Das Hafenmuseum im Speicher XI

Bremen ist und bleibt Hafenstadt. Auch wenn hier nicht die ganz großen Containerriesen anlanden, so sind die jährlichen Umschlags- und Schiffzahlen doch beachtlich. Das riesige Areal zieht sich entlang der Weser und wird heute auch von schifffahrtsfernen Branchen genutzt und zum Wohngebiet ausgebaut. Die Entwicklungen von rund 130 Jahren Hafengeschichte bis heute zeigt das Hafenmuseum im Speicher XI. Ich hab es mir angeschaut und eine Menge gelernt.

Ich stehe vorm Speicher XI inmitten des stadtbremischen Hafens und staune mal wieder über die beeindruckende Länge des historischen Backsteingebäudes. Noch weiß ich nicht, dass es 400 Meter sind, die man hier mit einem weiten Blick entlang der Fluchten verfolgen kann. Diese Zahl erfahre ich eine Weile später bei meinem Besuch im Hafenmuseum, das hier wie etliche weitere Institutionen ansässig ist. Ich werde in diesem Zusammenhang auch erfahren, dass die aktuell größten Containerschiffe ebenfalls 400 Meter lang sind, dazu noch etwa fünfmal höher und zweimal breiter als der Speicher XI. Kaum vorstellbar, dass so ein Koloss schwimmen kann.

Der Speicher XI: Einst waren es die XI und die XIII, bis sie mit einem Gebäude verbunden wurden. Heute trägt das 400 Meter lange Gebäude die Nummer XI und beherbergt neben dem Hafenmuseum und kleineren Institutionen auch die Hochschule für Künste (HfK).

Der Speicher XI: Einst waren es die XI und die XIII, bis sie mit einem Gebäude verbunden wurden. Heute trägt das 400 Meter lange Gebäude die Nummer XI und beherbergt neben dem Hafenmuseum und kleineren Institutionen auch die Hochschule für Künste (HfK).

Alte Gebäude zeugen von florierenden Zeiten

Und damit sind wir auch schon im Thema: Schifffahrt und Hafen waren für Bremen schon immer von großer Wichtigkeit. Nachdem durch die Versandung der Weser der Schiffsverkehr zunehmend flussabwärts ansiedelte, wurde hier Ende des 19. Jahrhunderts der Fluss begradigt und das erste Hafenbecken ausgehoben – der Europahafen. Anfang des 20. Jahrhunderts folgte der Überseehafen, an dessen Ufer der Speicher XI entstand. Im Zuge der Erfindung des Containers verlor der Stückguthafen an Relevanz und wurde schließlich vor rund 20 Jahren wurde zugeschüttet. Auf der neu gewonnenen Fläche entstand der Bremer Großmarkt. Der Speicher XI zeugt heute noch von florierenden Hafenzeiten.

Von den Anfängen bis zum Ende des Überseehafens. Oben rechts ist der ehemalige Verlauf der Weser zu erkennen, der durch Ludwig Franzius begradigt wurde. Darunter der Überseehafen in voller Blüte - so viele Schiffe! Da lässt sich nachvollziehen, wie wichtig der Hafen für Bremen war.

Von den Anfängen bis zum Ende des Überseehafens. Oben rechts ist der ehemalige Verlauf der Weser zu erkennen, der durch Ludwig Franzius begradigt wurde. Darunter der Überseehafen in voller Blüte – so viele Schiffe! Da lässt sich nachvollziehen, wie wichtig der Hafen für Bremen war.

Ich betrete das Gebäude und laufe über uralte Holzdielen zum Eingang des Hafenmuseums. Vor rund 100 Jahren wurde hier vor allem Baumwolle eingelagert und weiter verfrachtet. Im Foyer nimmt mich Claudia Seidel in Empfang. Sie ist für die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich und ist seit der Gründung des Museums vor 15 Jahren hier tätig. Das komplett privat getragene Museum fungiere als Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft, beschreibt Frau Seidel. Hier würde sowohl Hafengeschichte greifbar gemacht als auch aktuelle Entwicklungen aufgezeigt.

Der Hafen lebt

Wie lebendig dies hier gelingt, wird mir auf unserem folgenden Rundgang durch die Dauerausstellung bewusst. Auf den 2000 Quadratmetern offenbart sich mir die ganze Komplexität eines Hafens. Ich lerne etwas über das Bremer System, das allerdings nur in Bremen so genannt wird und das einen Eisenbahnhafen beschreibt, in dem die Ware direkt vom Schiff auf Güterzüge verladen werden kann. Ich höre etwas über die Weserbegradigung, die überhaupt nur den Bau eines so großen Hafens zuließ und die in Kinderliedern vor rund 100 Jahren als „Wiedergesundmachung des Flusses“ besungen wurde, obwohl so eine Flussbegradigung natürlich eigentlich das Gegenteil ist.

Sandschaufeln um 1900: einmal im Modell, einmal in echt.

Sandschaufeln um 1900: einmal im Modell, einmal in echt.

Und ich darf selber testen, wie schwer so ein Sack Kaffee war, von denen einst zwei Arbeiter pro Schicht rund 1000 Stück umluden. Auch Knoten üben, Gerüche einzelner Waren erschnuppern und per Morsezeichen kommunizieren gehören zum Museumserlebnis.

Von Kreuzknoten über Palstek bis Achter - hier können Besucherinnen und Besucher Seemannsknoten üben.

Von Kreuzknoten über Palstek bis Achter – hier können Besucherinnen und Besucher Seemannsknoten üben.

Rundgang durch vergangene Zeiten

Nachdem ich mit Frau Seidel vom Foyer aus gestartet bin und etwas über die Anfänge des Bremischen Hafens vor rund 130 Jahren gelernt habe, steigen wir über eine originale Gangway mit anschließender Treppe in den ersten Stock. Der Treppenaufgang ist von hohen Wänden aus Kaffeesäcken ummauert – etwa die Menge, die ein Hafenarbeiter an einem Tag bewegte.

Etwa 60 Kilo wiegt so ein Kaffeesack (oben links). Neben Kaffee wurden vor allem Getreide, Baumwolle und Tabak in Bremen umgeschlagen.

Etwa 60 Kilo wiegt so ein Kaffeesack (oben links). Neben Kaffee wurden vor allem Getreide, Baumwolle und Tabak in Bremen umgeschlagen.

Linker Hand erstreckt sich eine Vitrinenwand, in der einzelne ehemalige Berufe der Hafenbranche vorgestellt werden. Der Küper, der die Qualität der Ware prüfte, der Tallymann, der den Ablauf des Warentransports checkte, und viele weitere Berufe, die heute in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr existieren.

Typische Werkzeuge für einst hafenspezifische Berufe. Oben rechts sind die Probenstecher des Küpers zu erkennen. Von dieser Aufgabe stammt das Wort "Stichprobe".

Typische Werkzeuge für einst hafenspezifische Berufe. Oben rechts sind die Probenstecher des Küpers zu erkennen. Von dieser Aufgabe stammt das Wort „Stichprobe“.

Neben den Berufen und Waren stehen hier oben auch einzelne Biografien im Mittelpunkt. Mit drei ehemaligen Hafenarbeitern hat das Hafenmuseum vor Eröffnung gesprochen und bei der Entwicklung eng zusammen gearbeitet. Über sie und ihre Lebensläufe erfahre ich hier etwas. Dabei wird auch das dunkle Kapitel der Zwangsarbeit im Dritten Reich behandelt.

Durch ein Originaldrehtor des ehemaligen Bremer Freihafens gelangen wir gewissermaßen in die „Neuzeit der Schifffahrt“. Hier wird die Entwicklung großer Bremer Reedereien gezeigt sowie der wichtigste Meilenstein des globalisierten Warentransports: Der Container.

Ab ins globale Zeitalter: Bremer Reedereien und ihr Linienverkehr sowie schließlich die Erfindung des Containers trugen einen großen Teil zur Globalisierung bei.

Ab ins globale Zeitalter: Bremer Reedereien und ihr Linienverkehr sowie schließlich die Erfindung des Containers trugen einen großen Teil zur Globalisierung bei.

Unfassbare Dimensionen greifbar gemacht

In einem weiteren Raum wird mir die gesamte Dimension des Bremischen Hafens anhand einer riesigen, auf den Boden geklebten Luftbildaufnahme der Stadt deutlich. Ich kann hier gewissermaßen „drüber fliegen“ und erkenne schnell die Größenordnung, mit der sich das Hafengebiet ins Gesamtstadtbild einfügt. Die Aufnahme stammt aus den 1970er Jahren und lässt noch deutlich den Eisenbahnhafen nach dem oben erwähnten Bremer System erkennen. Einige Gebäude sind auf dem Bild in 3D als Modell aufgestellt worden. Auch der Speicher XI, der eigentlich mal aus zwei Speichern bestand, bis sie durch ein Gebäude in der Mitte verbunden wurden. Noch einmal wird mir bewusst, in welchen Dimensionen heutige Containerschiffe unterwegs sind.

Die vergrößerte Luftbildaufnahme auf dem Boden veranschaulicht gut, wie groß das Bremer Hafengebiet ist.

Die vergrößerte Luftbildaufnahme auf dem Boden veranschaulicht gut, wie groß das Bremer Hafengebiet ist.

An verschiedenen Säulen können Besucherinnen und Besucher etwas über Logistik lernen und sich selbst im Planen von Warentransporten ausprobieren. In einer Ecke des Raums zieht ein großes Modell der Gröpelinger Getreideanlage mit anliegendem Hafenbecken meine Aufmerksamkeit auf sich. Auch Bremer Unternehmen und heutige hafenspezifische Berufe werden hier vorgestellt.

Noch lange nicht alles gesehen

Nach diesem Rundgang weiß ich: Ein Wiederkommen lohnt sich. Obwohl das Thema „Hafen“ hier in all seiner Komplexität sehr greifbar vermittelt wird, bin ich mir sicher, dass ich noch lange nicht alles entdeckt und erfahren habe. Auch die zahlreichen Führungen, die das Hafenmuseum im Haus aber auch draußen im Hafen anbietet, reizen mich. Neben der Dauerausstellung gibt es außerdem noch wechselnde Ausstellungen. Hier stellt sich das Museum gerade etwas neu auf: Bisher waren hier vor allem Kunstexpositionen zu sehen, die im weitesten Sinne etwas mit Hafen zu tun hatten. Nun soll ab Ende März regelmäßig dokumentarische Ausstellungen gezeigt werden. Das neue Konzept startet mit einer Ausstellung zum Thema nachhaltige und faire Mode und zeigt unter anderem den Kreislauf, in dem sich Materialien wie Baumwollen befinden.

Auf meinem Rückweg durch die Überseestadt schaue ich mit einem anderen Blick auf Bremens Hafengebiet. Auch wenn vom einstigen Stückgut-, Eisenbahn- und Freihafen nicht mehr ganz so viel zu erkennen ist, liegt hier doch immer noch Hafenambiente in der Luft. Alte Gebäude wechseln sich mit Neubauten ab, hier und da entdecke ich noch Teile von Bahngleisen am Ufer der Hafenbecken, ab und zu braust ein LKW mit neuer Ware an mir vorbei. Ich bin gespannt, wie sich der Bremische Hafen weiter entwickelt.

Übrigens: Das Hafenmuseum bietet eine Führung „Teetied“ bei der Firma Vollers an. Sehr spannend!

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