Halbstark?! Oh Baby Baby ab zur Plattenbörse!

Seit meiner ersten Schallplatte „Benjamin Blümchen als Feuerwehrmann“ gesellten sich in den letzten Jahren zwar ein paar Scheiben hinzu – vom allzu poppigen Schweden-Duo Roxette über Düsteres von Depeche Mode und Joy Division bis hin zum großartigen Prince. Aber man kann kaum behaupten, dass ich eine große Vinylfreundin sei. Doch was richtig gut geht, ist Beatmusik vom Plattenteller. Und leckerer Kuchen. Beides zusammen gibt es bei der „Halbstark!“-Plattenbörse im LOX

Natürlich gibt es hier auch ganz viele Vinylplatten – es handelt sich schließlich um eine Plattenbörse. Ich habe zwar (noch) keinen Plattenspieler, aber ich liebe den Sound der Sixties, der Mods und des Rock ’n‘ Roll: The Kinks, The Who, The Beach Boys, Small Faces. Darüber kam ich mit Guido Gulbins ins Gespräch und der lud mich prompt zur 3. Halbstark!-Plattenbörse nach Walle ein.

Wühlen, rausziehen, freuen. Eine Plattenbörse funktioniert fast wie die Kartoffelernte.

Wühlen, rausziehen, freuen. Eine Plattenbörse funktioniert fast wie die Kartoffelernte.

Zusammen mit Jens Singer organisiert er im LOX zweimal jährlich eine unkommerzielle Plattenbörse. Keine Standgebühren, kein Eintritt, dafür aber jede Menge Platten, leckerer Kuchen, starker Kaffee und ordentliche Musik vom Plattenteller. Also nix wie hin, in den Bremer Westen. Als ich im LOX auftauche, laufen einige Menschen mit Kisten und Kartons durch den Raum. Andere sitzen schon lauernd hinter ihren Schätzen, den Vinyl-Schallplatten. Und der erste Besucherschwung schwappt herein, ich schwappe gleichsam mit.

Jens "The Amazing Singer Man" Singer am DJ-Pult

Jens „The Amazing Singer Man“ Singer am DJ-Pult

Unkommerziell und offen für (fast) alle

Die Halbstark!-Plattenbörse ist fast noch ein Geheimtipp für Bremer Vinylliebhaber und Plattenfetischisten. Sie ist nicht nur eine Börse, sondern zugleich eine Plattform, die zum Austausch über Musik und die hiesige Szene einlädt. Zum ersten Mal fand sie im Mai 2014 statt. Guido und Jens – die Szene nennt sie liebevoll „Guido Pop“ und „The Amazing Singer Man“ wenn die beiden irgendwo am DJ-Pult stehen – können sich wechselnde Locations durchaus vorstellen. „Mal in die Neustadt wäre nicht schlecht“, überlegt Guido. Nur ins Viertel soll die Börse nicht ziehen, dort ist ja eh schon so viel los, findet der Mittvierziger.

Guido "Pop" Gulbins und Jens "The Amazing Singer Man" Singer haben den (Vinylplatten-) Dreh raus

Guido „Pop“ Gulbins und Jens „The Amazing Singer Man“ Singer haben den (Vinylplatten-) Dreh raus

Namensgeber: Der Beat-Club aus dem Radio Bremen-Studio

Ich hake nach, wie es zu dem Namen der Börse kam. Der grandiose Song „Halbstark“ der Bremer Beatband „The Yankees“ stand Pate, klärt mich Guido Gulbins auf. 1965 traten „The Yankees“ mit dem Song in der ersten Folge der Radio Bremen-Sendung „Beat-Club“ auf und landete damit einen Hit. „Der coolste deutsche Beat-Song, keine Frage“, meint der Börsenmacher.

In den letzten Jahren schlugen erfolgreiche Bremer Bands wie die Trashmonkeys in diese Sixties-Beat-Kerbe und ihre Vinyl-LP „Smile“ dürfte auch bei Guido im Plattenregal stehen. Unter, hopplahey, 3500 weiteren LPs und 3000 zusätzlichen Single-EPs, wie er mir nicht ohne Stolz verrät.

Barry White und Peter Hofmann: Ein Revival ist möglich!

Barry White und Peter Hofmann: Ein Revival ist möglich!

In den vergangenen Jahren kam Guido beim Umherstreifen auf Bremens muffigen Plattenbörsen und beim Blick in frustrierte Händler-Visagen die Idee, selbst eine Börse zu veranstalten. „Und auch wenn du am Ende nur 30 Euro eingenommen hast, hier bei uns haste wenigstens ’nen geilen Nachmittag gehabt“, lacht er. Über die neusten Scheiben diskutieren, Vorlieben vehement verteidigen und Klassiker huldigen – hier im LOX sind echte Enthusiasten zusammengekommen. Sie streunen umher wie Hunde auf der Suche nach einem Knochen, sind aber in der Lage entspannt dabei auszusehen. Ich lausche den Gesprächsfetzen. „Peter Tosh?! Ehrensache, klar nehm‘ ich, pack ein!“

Vinyl geht weg wie geschnitten Brot

Vinylplatten erleben einen unglaublichen Hype. Und das seit Jahren. Das Geschäft mit den schwarzen Scheiben läuft bombig – ein Business mit Suchtfaktor, wie mir Guido berichtet. Es gibt viele Platten-Freaks, für die die eigene Sammlung ein Heiligtum ist und oft weit höher im Kurs steht als die eigene Schwiegermutter. Zum Prinzip jeder Halbstark!-Börse gehört es dennoch, dass jeder und jede – auch spontan – mitmachen kann. Die verstaubten Platten aus dem Keller, das Vinyl-Geschenk von Tante Irmi zur Konfirmation oder die vergessene Neil Young-Bootleg vom verhassten Ex-Freund.

Nicht nur in den Siebzigern war David Bowie extrem angesagt

Nicht nur in den Siebzigern war David Bowie extrem angesagt

Das Einzige was Guido und Jens hier auf keinen Fall sehen wollen, sind LPs oder EPs von Bands wie „Böhse Onkelz“ oder „Landser“. „Rechtsrock und auch alles was sich in der Grauzone davon bewegt, geht gar nicht“, meint Guido. Klares Statement, klare Linie, find‘ ich ausgezeichnet.

What? 120 Euro für eine Schallplatte???

Ich glaube, es hackt. Die teuerste Platte heute ist tatsächlich ein Album von „Iron Maiden“, eine Heavy Metal-Band, die in den achtziger Jahren ihren Durchbruch erlebte – als kleine Information für alle, die nach 1983 geboren wurden und keinen blassen Schimmer von Metal haben. Lasse, ihr Besitzer, möchte 120 Euro haben. Es gibt auch Platten für vier Euro und deren Cover sind meist viel hübscher. Ich setze mich auf einen Cocktailsessel im Nebenraum und verputze stillschweigend ein Stück Rübli-Kuchen.

Kuchen und Kaffee versüßen die Plattenbörse. Hausgemacht und lecker.

Kuchen und Kaffee versüßen die Plattenbörse. Hausgemacht und lecker.

Hier werden gerade generationsübergreifend die Daten vom Ausstieg eines Bassisten aus seiner Siebzigerjahre-Band diskutiert. Nicht schlecht, diese Detailliebe. Der Kuchen ist sehr lecker. Ich schlendere in den Nebenraum, treffe auf jemanden, der mir noch fünf Euro schuldet – let the good times roll!

The Beach Boys oder doch The Cure?

Ich wandele umher, blättere in den Kisten und finde einige Scheiben ganz nach meinem Geschmack. Auf die Beach Boys stehe ich ja in höchster Güte, leider teile ich diese Freude mit den Wenigsten. Unbedingt möchte ich die aktuelle Verfilmung „Love & Mercy“ über das Leben von Beach Boys-Sängers Brian Wilson sehen. Kaufen tue ich an diesem Samstagnachmittag letztlich keine einzige Platte. Guido schenkt mir eine „Siouxie and the Banshees“-Platte zum Verschenken, das finde ich sehr nett und freue mich auf’s Weiterverschenken.

Meine Favouriten: The Kinks, The Beach Boys, David Bowie und The Beatles.

Meine Favouriten: The Kinks, The Beach Boys, David Bowie und The Beatles.

Als ich Guido tags darauf frage, wie viel er für welche neue Platten ausgegeben hat – ich frage gar nicht nach dem „ob“ – gesteht er mir, gehaushaltet zu haben. 45 Euro für frisches Vinyl-Material von „Doo Wop“, „Tocotronic“, „Blumfeld“, „Interpol“, „L7“  und – was auch immer das sein mag – „Die Böse Hand“. Er ist einfach ein Enthusiast, denke ich.

Ich hab‘ ihn: Den Soundwave P 1300

Und ich? Als ich am Sonntagabend von einem Kindergeburtstag nach Hause fahre, steht am Straßenrand inmitten eines Sperrmülls ein Plattenspieler. „Der funktioniert einwandfrei“, ruft mir einer der beiden Wohnungsentrümpler zu. Bingo. Ein Zeichen. Ich besitze nun also einen Plattenspieler. Hey Guido, wann ist eigentlich die nächste Plattenbörse???

Das LOX in Walle: Coole und multifunktionale Location

Das LOX in Walle: Coole und multifunktionale Location

Hinweis:
Wer bei der nächsten Börse selbst Platten verkaufen möchte, kann sich über halbstark.bremen@gmail.com anmelden. Oder spontan eine Kiste mit selbstgeliebten und verkäuflichen Platten mitbringen. Die Facebook-Fanpage informiert über die aktuellen Termine und Locations.

Meine Tipps: Am Samstag, 27. Juni 2015, legt der ehemalige Trashmonkey-Frontman Andreas Wolfinger im LOX bei freiem Eintritt *77punk*wave*ndw* auf. Allen Beat-Club-Fans empfehle ich außerdem die neue Show „Beat-Club“ auf der Bühne des FRITZ Theaters.

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