Ein Kukoon für das Buntentor

Wenn es in Bremen darum geht, etwas ganz Neues auf die Beine zu stellen, sind kreative junge Menschen nicht fern. Genauso wie beim Projekt Kukoon (KulturKombinat Offene Neustadt) in der Bremer Neustadt, direkt am Anfang des Buntentorsteinwegs. Vor rund drei Monaten ist die Gesellschaft für bunte Steine mbH, ein Kollektiv von 17 Männern und Frauen, mit ihrer Idee einen kulturellen Nachbarschafts-Treff zu gründen, gestartet. Ich habe das Kukoon an einem Freitagmittag besucht und mit einem der Macher über Visionen, Nachbarschaft, Konzerte und überhaupt das kulturelle Leben in der Neustadt gesprochen.

Es ist einfach so: Im Kukoon glänzt goldener Stuck an den Decken. Das ist schon mal klasse, finde ich. Die Räume mit den hohen Decken sind lichtdurchflutet, überall riecht es förmlich nach Kunst und Inspiration. Von der Decke hängen riesige Malereien herunter, hinten an der Bühne werkeln zwei Japanerinnen eifrig an einer Ausstellung, an den bunt zusammengewürfelten Tischen und Stühlen, auf den Sofas im Raucherraum und an den Barhockern am Tresen sitzen bereits die ersten Gäste, es ist noch früh, das Kukoon erwacht gerade erst.

Glutenfreies Bier und Babycino sorgen für frische Gedanken bei der Getränkewahl.

Glutenfreies Bier und Babycino sorgen für frische Gedanken bei der Getränkewahl.

Das Konzept, das hinter dem Stuck steht, ist noch mal besser als klasse. Finde ich. Vorträge, Ausstellungen, Performances, Kurzfilme, Konzerte und Theater – und alles wird mit Mittagstisch und Chai Latte serviert. Ein soziokulturelles Zentrum, das zugleich Café, Konzertsaal, Nachbarschafts-Treff und Diskussionsrunde darstellt und das in der Neustadt bislang fehlte. Mit der DETE gab es einen ersten Versuch, an den das Kukoon zwar anknüpfen möchte, sich aber weiterentwickeln will, so Artur Ruder, einer der acht geschäftsführenden Gesellschafter.

Einer von acht Geschäftsführern des Kukoons: Artur Ruder - auch hier im Gespräch.

Einer von acht Geschäftsführern des Kukoons: Artur Ruder – hier im Gespräch über Kultur, Politik und die Welt.

Als Kurator und Organisator sieht er im Kukoon eher die Erweiterung des Konzepts vom „Grünen Zweig“, einem gemeinnützigen Verein in der Erlenstraße, sowie eine einmalige Chance: „Wir wollen eine neue Bewegung in der Neustadt sein, um die Kulturlandschaft, den Einzelhandel und die Menschen, die hier leben und wohnen, zu bewegen und zu beleben“, so der 29-Jährige. Praxiserfahrung hat Artur, studierter Kulturwissenschaftler, genug: Er mischt nicht nur im Kukoon, sondern auch bei anderen Projekten wie beim Grünen Zweig und bei der Wanderlust mit.

Ort des Alltags und Vernetzungspunkt für die Neustadt

Die Neustadt ist mit ihren rund 42.000 Bewohner der am dichtesten besiedelte Stadtteil Bremens. Die Kukoon-Macher wollen diesen Stadtteil aktiv mitgestalten und ein gemischtes Publikum ansprechen. Und wenn ich mich so umschaue, gebe ich diesem Zielvorhaben gute Chancen: Neben mir strahlen mich große blaue Säuglingsaugen an, am Tresen wartet ein älterer Mann auf seinen Pott Kaffee, Digital Natives hocken diskutierend vor ihren Mac Books und drüben vor der Bühne sitzt eine Frau mit einem dicken Buch vor ihrer Linsensuppe. Mir gefällt das, es ist kuschelig – und unkompliziert.

Ein Sofa hängt von der Decke und der goldene Stuck freut sich.

Ein Sofa hängt von der Decke und der goldene Stuck freut sich.

Nach zwei Monaten zieht Artur Ruder eine positive Bilanz. Die Resonanz sei durchweg gut und anerkennend. Und was sagt die Nachbarschaft? „Wir suchen von vornerein den direkten Dialog mit der Nachbarschaft, um nicht mit Lärm bei Konzerten oder anderem anzuecken,“, erzählt er. Und ergänzt: „Und die Nachbarn machen mit, sie haben zum Beispiel Mobiliar beigesteuert und bringen sich mit Ideen ein, wir finden das klasse.“

Unweit dem Kukoon liegen die bremer shakespeare company, die Schwankhalle, das Schnürschuh-Theater und die Alte Schnapsfabrik mit seinem Café-Kantinen-Gemeinschaftsmekka Karton, das konzeptionell ähnlich agiert wie das Kukoon. Das Kukoon will sich und seine Inhalte mit denen der ansässigen (Kultur-) Einrichtungen vernetzten, einen neuen Anlaufpunkt für das Quartier schaffen. Eine verzahnte, bunte Kulturlandschaft, die sich formiert und mit der Initiative Vis-A-Vis ein erstes starkes Zeichen dafür setzt.

Teil eines Kollektivs: Dario Wapsas (27) und Artur Ruder (29) im Gespräch.

Teil eines Kollektivs: Dario Wapsas (27) und Artur Ruder (29) im Gespräch.

Zum fein durchdachten Programm für die kommenden Wochen gehören neben Lesungen, Theaterstücken und Konzerten unter anderem eine monatliche Infoveranstaltung zu gesellschaftskritischen Themen und regelmäßige Kickerturniere. Außerdem kooperiert das Kollektiv im Mai mit dem Outnow-Festival der Schwankhalle und veranstaltet im Rahmen von Jazzahead eine Clubnight. Meine persönlichen Tipps für einen Besuch im April: Das Kickerturnier „flixen on Tour“ am Donnerstag, 30. April um 19 Uhr und Nachmittags-Chanson-Pop mit dem Schweizer Duo „Caroussel“ am Samstag, 11. April um 16 Uhr.

Das Talent siegt über das Kollektiv

Zum guten Gelingen des Kukoons haben Viele beigetragen. „Tolle Unterstützung haben wir nicht nur aus der Nachbarschaft, sondern auch von Privatpersonen bekommen“, berichtet Artur Ruder. Buchhalter, Steuerprüferin, Juristen – viele haben das Kollektiv unterstützt oder unterstützen es immer noch. Die anfallende Alltagsarbeit erledigen sie in Fünfer-Gruppen, vom Getränkedienst bis zur Öffentlichkeitsarbeit, von den Abrechnungen bis zum Booking.

Bitte irgendwas von diesem veganen Schoko-Banane-Mandel-Dinkelkuchen, sieht gut aus!

Bitte irgendwas von diesem veganen Schoko-Banane-Mandel-Dinkelkuchen, sieht gut aus!

Die Mitglieder des Kollektivs sind zwischen 24 und 41 Jahre alt, jede und jeder ist mal mit kochen oder backen für die Thekenauswahl an der Reihe. Hier zählt allerdings das Talent. Wer, so wie Artur, einfach nicht backen, dafür aber kochen kann, darf sich für die Backwarenproduktion entschuldigen. Das Ganze soll schließlich nicht an einem schlechten Mandelkuchen scheitern…

Huckepack statt sozialer Ausschluss

Nachhaltig, fair, ökologisch und rein vegetarisch – kommen wir also zur Gastronomie im Kukoon. Montags bis freitags gibt es hier ab 11.30 Uhr eine wechselnde Mittagskarte und sonntags bis 14 Uhr Frühstück. Kaffee, Kuchen, Anitpasti und Suppe stehen täglich auf dem Speiseplan. Bei meinem Besuch kann ich zwischen Gemüse-Curry mit Basmatireis und Roter Linsensuppe wählen. Doch leider habe ich weder Hunger noch bin ich eine passionierte Restaurantkritikerin. Also bestelle an der Theke lediglich eine Premium Cola. Meine Begleitung hat Appetit auf die Suppe. Ihr schmeckt’s, die Linsen sind zwar etwas bissfest und nachsalzen schadet auch nicht, aber sowas ist ja immer besser als eine versalzene Pampe lautet das Urteil.

Rote Linsensuppe, hübsch serviert und lecker.

Rote Linsensuppe, hübsch serviert und lecker.

 

Die Preise für das Mittagessen sind keine fixen, es gibt „Von-Bis-Preise“, bei denen jeder selbst entscheidet, was er oder sie bezahlen kann. Toll finde ich das „Huckepack“-System: Wer eine andere Person auf eine Tasse Kaffee oder eine heiße Suppe einladen möchte, kann dies tun, indem er einen zusätzlichen Geldbeitrag entrichtet, der dann als Gutschein auf der Huckepack-Wand erscheint. So wird jemandem, dessen Geldbörse etwas flacher ist, ein gratis Getränk oder eine kostenlose Suppe ermöglicht. Solidaritätszuschlag einmal anders, sozusagen auf Suppenbasis.

Ist das Kunst oder kann das... Ja! Es ist Kunst!

Ist das Kunst oder kann das… Ja! Es ist Kunst!

Kein Hype – sondern Avantgarde

Ich wage die These aufzustellen: Das ist kein Hype, das ist die Avantgarde. Das Kukoon ist kein Geschäft, es ist ein Raum für ein soziales und kulturelles Miteinander, eine Plattform für Ideen und Visionen. Es ist keine Investition in einen Betrieb, sondern in ein neues Format. Der Erfolg lässt sich zwar idealerweise in Zahlen messen, aber viel wichtiger ist doch, dass die Menschen, der Stadtteil und die Kultur gewinnen. Und vielleicht ist es ein wenig wie bei den Seidenraupen: Ein Kokon wird eigens gesponnen, um Heranwachsendes zu schützen. Nur wenn am Ende Seide dabei herauskommen soll, muss die kleine Raupe sterben und wird nicht mehr zum Schmetterling.

Die Kukoon-Öffnungszeiten: Mo 11.30 bis 18 Uhr, Di bis Fr ab 11.30 Uhr, Sa ab 14 Uhr und So 9.30 bis 18 Uhr.

Ein Kommentar zu “Ein Kukoon für das Buntentor

  1. Fred says:

    Feiner Artikel über eine nette Location! Abgesehen von […] es ist kuschelig […], da geht meine Wahrnehmung völlig in eine andere Richtung. Ich empfinde durch die hohen Räume und überstrahlenden Helligkeit eine durchdringende Kühle. Auch […] unkompliziert[…] ist es nur für einen begrenzten Personenkreis.

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