KulturAmbulanz – Rundgang durch die Psychiatriegeschichte

Schon gewusst? „Ambulanz“ kommt vom lateinischen Wort „ambulare“, was „spazieren gehen“ heißt. Einem Spaziergang glich auch mein Besuch bei der KulturAmbulanz auf dem Gelände des Klinikum-Ost.

An einem Donnerstagmorgen radel ich weit in den Bremer Osten. Zum Glück spielt das Novemberwetter mit. Während meiner Fahrt klärt der graue Himmel nach und nach auf und lässt Blaues durchschimmern. Auf dem Gelände des Klinikum-Ost treffe ich Achim Tischer. Er ist Leiter der KulturAmbulanz, die sich hier seit 30 Jahren den Themen Gesundheit und Krankheit aus kultureller und künstlerischer Sicht nähert. Was einst als Projekt begann, ist inzwischen eine Institution in Bremen. Die KulturAmbulanz, wie sie seit 2010 heißt, ist stadtbekannt und hat auch über Bremens Grenzen hinaus einen Namen.

Achim Tischer ist schon seit 30 Jahren mit dabei.

Achim Tischer ist schon seit 30 Jahren mit dabei.

Im Auftrag einer Reform

Apropos „Grenzen“: Genau diese sollen mit der Arbeit der KulturAmbulanz aufgehoben werden. Als in den 1970er Jahren die Reform der psychiatrischen Versorgung von der Bremischen Bürgerschaft auf den Weg gebracht wurde, entstand auf dem Gelände der Psychiatrie ein Krankenhaus, das sowohl Abteilungen für psychische wie auch für physische Erkrankungen unter einem Dach vereinte. Diese Interdisziplinarität griff das Kulturprojekt auf und führt sie bis heute bewusst fort.

Immer Neues in alter Tradition

Schon in den Gründungszeiten des heutigen Krankenhauses betrat man neuen Boden. Das 1904 in Betrieb genommene St.-Jürgen-Asyl für Geistes- und Nervenkranke war bewusst als großzügige Anlage mit kleinen ein- bis zweistöckigen Gebäuden angelegt worden. Der Architekt Hugo Walter legte die „Irrenanstalt“ im Dorf Ellern so an, dass sie nicht wie eine Zwangsanstalt wirkte. Er verzichtete auf jegliche Symmetrie der Gebäudeanordnung und gestaltete die Häuser als Pavillons mit Fachwerkelementen. Ein künstlicher Kurort entstand, der positiven Einfluss auf psychisch Erkrankte haben sollte.

Früher Kuhstall (oben links), heute Galerie. Der Architekt hat schon Anfang des 20. Jahrhundert eine sehr offene Anlage angelegt und erschuf so einen künstlichen Kurort.

Früher Kuhstall (oben links), heute Galerie. Der Architekt hat schon Anfang des 20. Jahrhundert eine sehr offene Anlage angelegt und erschuf so einen künstlichen Kurort.

Die Anstalt verfügte über Landwirtschaft, Tierhaltung sowie eine Bäckerei und hatte sogar eine eigene Energieversorgung, Werkstätten, eine Großküche und ein Krematorium. Auf der Anlage wurde von Beginn an die Behandlung durch Arbeitstherapie verfolgt. Die Patienten wirkten im Tagesgeschehen der Klinik mit, arbeiteten auf den Feldern und in den hauswirtschaftlichen Bereichen.

Gespräch über damals und heute

Achim Tischer lädt mich zunächst auf einen Tee in sein Büro in einem der historischen Gebäude ein. In den Regalen des Kulturwissenschaftlers stehen Bücher mit Titeln wie „Geschichte der Lichttherapie“ oder „Die Pflege des kranken Menschen“. Herr Tischer ist seit Beginn des Kulturprojekts mit dabei. „In diesen Räumen war früher die Hofmeierwohnung“, erzählt er. „Nebenan in der Galerie, wo heute wechselnde Ausstellungen gezeigt werden, stand früher das Jungvieh.“

Die Galerie im Park zeigt wechselnde Ausstellungen zu bestimmten Themen. Hier stand vor 100 Jahren noch das Jungvieh.

Die Galerie im Park zeigt wechselnde Ausstellungen zu bestimmten Themen. Hier stand vor 100 Jahren noch das Jungvieh.

Nachdem wir über die Entstehung des Kulturprojekts, über die große Reform in der Psychiatrie und Bremens Vorreiterstellung darin gesprochen haben, nimmt mich Herr Tischer mit auf einen Rundgang. Ein Stockwerk tiefer betreten wir die ehemaligen Stallungen. Herbstliche Sonnenstrahlen durchfluten den großzügigen, langgezogenen Ausstellungsraum und zeichnen diagonale Leuchtstreifen auf Boden und Wände. Die Fensterreihen lassen den Blick in den Park beziehungsweise in den hinten angrenzenden hohen Baumbestand frei. „Die aktuelle Ausstellung beschäftigt sich mit dem Thema ‚Leidenschaft‘“, erzählt Herr Tischer und verweist dabei auf die unterschiedliche Herangehensweisen, die in den ausgestellten Kunstwerken sofort zu erkennen sind. Die Ausstellungen zu jeweils einem bestimmten Thema seien meist mit Werken mehrerer Künstlerinnen und Künstler konzipiert, die die KulturAmbulanz gezielt auswählt.

Dauerausstellung auf dem Heuboden

Über eine Holztreppe gelangen wir wieder eine Etage höher. Auf dem ehemaligen Heuboden der Stallungen ist das Krankenhaus-Museum eingerichtet. Die Dauerausstellung besteht hier schon seit gut zwanzig Jahren und beschäftigt sich mit der Bremer Geschichte der Psychiatrie. Ausstellungsstücke zeigen, dass Bremen im Umgang mit seelischen Erkrankungen oft einen sehr modernen Ansatz bei den Behandlungsformen verfolgte, dass aber auch hier wie überall im Land grausame medizinische Verbrechen im Rahmen des zweiten Weltkrieges verübt wurden.

"Nutzlose Existenz": Was im Nationalsozialismus psychisch Erkrankten angetan wurde, zeigt eine ganze Abteilung der Dauerausstellung.

„Nutzlose Existenz“: Was im Nationalsozialismus psychisch Erkrankten angetan wurde, zeigt eine ganze Abteilung der Dauerausstellung.

Hörstationen und Monitore informieren die Besucher aus Sicht unterschiedlicher Protagonisten im Gesundheitssektor. Ich lerne etwas über Wachsäle, Betttherapien und Schockbehandlungen.

Im Krankenhausmuseum unterm Dach sind unterschiedliche Ausstellungsstücke zum Themenkomplex "Psychiatrie" untergebracht. Außerdem informieren Schautafeln und Hörstationen dazu.

Im Krankenhausmuseum unterm Dach sind unterschiedliche Ausstellungsstücke zum Themenkomplex „Psychiatrie“ untergebracht. Außerdem informieren Schautafeln und Hörstationen dazu.

Die Bettbehandlung war eine angesehene Behandlungsform. Das halbrunde Holzgestell ist übrigens eine Art Wärmelampe, die über den Patienten gestellt werden konnte.

Die Bettbehandlung war eine angesehene Behandlungsform. Das halbrunde Holzgestell ist übrigens eine Art Wärmelampe, die über den Patienten gestellt werden konnte.

Die Habilitationsschrift von C. G. Jung, einer der führenden Psychiater zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Habilitationsschrift von C. G. Jung, einer der führenden Psychiater zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

„Wir möchten die Ausstellung demnächst modernisieren, um weitere Grenzen abzubauen“, erzählt Herr Tischer. Er nennt Stichworte wie „Klare Sprache“ und „Englisch“. Der informative Film, der in einem Nebenraum gezeigt wird, gibt mir zusätzlich noch einen guten Überblick über die Geschichte der Anstalt.

Man sollte auf jeden Fall etwas Zeit mitbringen für die Ausstellung des Krankenhaus-Museums.

Man sollte auf jeden Fall etwas Zeit mitbringen für die Ausstellung des Krankenhaus-Museums.

Haus im Park gegenüber

Achim Tischer gewährt mir auch noch einen Einblick in das Haus im Park, das ebenso Teil der KulturAmbulanz ist. Der moderne Bau schräg gegenüber setzt sich deutlich ab von den anderen Gebäuden im Park. „Tja, das ehemalige Haus im Park hat zwei Weltkriege überstanden“, erzählt Achim Tischer mit leicht bedauerndem Unterton: „Aber eine Adventsfeier leider nicht.“ Im November 2001 brannte das ehemalige Gesellschaftshaus von 1904 ab. Zwei Jahre später wurde ein modernes Veranstaltungshaus eröffnet, das bis heute Raum für unterschiedliche Events bietet: Konzerte, Lesungen und Theater finden hier statt. Auch für Vorträge und Konferenzen sowie private Festlichkeiten kann der großzügige Raum angemietet werden. Gerade wird hier für eine Theateraufführung das Bühnenbild aufgebaut.

Im Haus im Park finden unterschiedliche Veranstaltungen statt. Unten links ist ein Modell des alten Gesellschaftshauses zu sehen.

Im Haus im Park finden unterschiedliche Veranstaltungen statt. Unten links ist ein Modell des alten Gesellschaftshauses zu sehen.

Spazieren ohne Grenzen

Nach meinem Rundgang mit Herrn Tischer spaziere ich durch den Park zurück zum westlichen Eingang. Überall sind Menschen unterwegs. Manche arbeiten im Park, einige mögen Passanten sein, andere Patienten und wieder andere dem Gesundheitspersonal angehörig. Das Schöne ist: Ich kann es auf den ersten Blick nicht erkennen, was den Ansatz der Klinik und der KulturAmbulanz gut widerspiegelt. Bewusst wurden im Laufe der Geschichte Abgrenzungen wie Zäune und abgeschlossene Bereiche aufgehoben. Man erkannte, dass Isolation keine Lösung ist. Heute durchdringen sich viele Bereiche hier ganz selbstverständlich. Grenzaufhebung statt Abgrenzung – ein guter Ansatz, der auch außerhalb dieser Klinikwelt mit Sicherheit sehr hilfreich ist. Ich nehme etwas davon mit in meinen Alltag.

Nicht unbedingt auf Anhieb zu erkennen, dass es sich hier um ein Krankenhausgelände handelt.

Nicht unbedingt auf Anhieb zu erkennen, dass es sich hier um ein Krankenhausgelände handelt.

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