Kunstfrühling am Güterbahnhof

Partyvolk, Designer, Künstler und Kulturschaffende haben das Gelände des Güterbahnhofs längst zum Hotspot der kreativen Szene in Bremen gemacht. In der Gleishalle hinter dem Hauptbahnhof findet auch der Kunstfrühling statt, eine Plattform für Künstler aus Bremen und der Region. Als Besucher kann man dort nicht nur anschauen — mitmachen und anfassen ist durchaus möglich.

Ping! Eine Klingel ertönt, ich habe Post. Mit ausdrucksloser Miene streckt mir ein Mädchen eine Postkarte ins Gesicht. Ihre Haare und ihr Körper sind von schwarzer Kleidung bedeckt, an ihrer Hand trägt sie eine kleine Glocke. Kaum habe ich die Nachricht angenommen, geht die Botin wieder ihrer Wege, in schnurgeraden Linien quer durch die riesengroße Halle.

Das aufgefüllte Gleisbett in der Gleishalle

„Pink Spill“: Das Gleisbett wurde von der Hamburger Künstlerin Anna Lena Grau mit Verpackungsflocken aufgefüllt. In rot ganz links im Bild: Darstellerin der Performance „go!“ vom tanzwerk bremen.

Die Boten, die in Stechschritten durch die 14.000 Quadratmeter große Gleishalle am Güterbahnhof marschieren, sind Kunst. Es ist eine Aktion von Lena Oehmsen, die auf den heutigen digitalen Nachrichtenverkehr anspielt. Oehmsen ist eine von 70 Künstlerinnen und Künstlern, die neben 80 Museen, Kunstvereinen, Galerien, und Atelierhäusern die Gleishalle auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs in den Bremer Kunstfrühling verwandeln. Geöffnet ist die Ausstellung für zeitgenössische Kunst bis zum 25. Mai, präsentiert wird sie vom Bremer Verband Bildender Künstlerinnen und Künstler.

Schwarze Boten überbringen Post

Post von einem Fremden: Wann man Teil der Performance „1 neue Mitteilung“ von Lena Oehmsen wird, bleibt eine Überraschung. Rechts im Bild: „Ja“ von Matthies Rupprecht.

Wo einst Waren auf Züge verladen wurden, tummeln sich am Eröffnungsabend hunderte Menschen. Überall in der kahlen Halle, an der mancherorts die Decke leckt und der Putz bröckelt, verlieren sich die Besucher zwischen weißen Stellwänden, staunen, vergessen die Zeit. Manche Werke können betreten, angefasst, sogar verändert werden. Mitmachen ist erlaubt.

Bildschön sind die halbtransparenten Beutel aus Gießharz der in Bremen lebenden Künstlerin Mei-Shiu Winde-Liu, die wie Tropfen von der Decke hängen. Anmutig sind die krebsrot gekleideten Performer, die in Zeitlupe durch den Raum schreiten. Werden sie rennen, werden sie schreien? Nein. Bekommen auch sie Post von den schrwazen Boten? Oh ja.

Hängen von der Decke: Michael Dörners „Wer hat Angst“ und „Zwischen Null uns Eins“ von Mei-Shiu Winde-Liu.

Sind das Knie oder Nasen, frage ich mich, als ich vor der Wandinstallation der Berliner Künstlerin Esther Glück stehe. Ich erkenne Haut, teils faltig und schlaff, große und kleine Poren. Hier haben Kinder und Erwachsene ihre Arme hingehalten. „Ellbogengesellschaft“ hat die Künstlerin die Körperabformungen getauft. Die gold-gelben Gliedmaßen, in Gießharz verewigt, leuchten in der einfallenden Abendsonne wie Glühbirnen.

Wandinstallation

Junge und alte Menschen standen hier für die Künsterlin Esther Glück Modell. Um welches Körperteil es sich wohl handelt?

Ein paar Meter weiter steht auch die schwarze, begehbare Box, in der die Besucher ihre Mobiltelefone zücken. Hier also holen die schwarzen Boten ihre Fracht: sms, die irgendwann bereits verschickt worden sind, werden jetzt auf Postkarten geschrieben. Auch ich reihe mich in die Schlange der Absender ein. Die Nachricht, die ich anfangs erhalten habe, könnte die Botschaft des Abends sein: „Ich gönn mir doch noch ne Stunde mehr, war ein schöner Abend. Schlaf gut. xxx.“

Ein Kommentar zu “Kunstfrühling am Güterbahnhof

  1. Der Kunstfrühling findet alle 3 Jahre statt. Bis zum 25.05.2014 könnt ihr in diesem Jahr noch hin, unter anderem auch zusammen mit der Langen Nacht der Museen. http://www.kunstfruehling.de, http://www.museeninbremen.de/lange-nacht-bremen/

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