Herr Lahusen, ein Widder und die Bankenkrise

Was hat die Bankenkrise von 1931 mit Bremen zu tun? Hinter dieser Frage steckt ein wahrer Wirtschaftskrimi, der fast die deutsche Finanzwelt ruiniert hätte. Ausgelöst durch die Machenschaften von Georg Carl Lahusen, Wollbaron aus Bremen.

Als gebürtige Delmenhorsterin kenne ich es schon lange, das Gelände der Nordwolle. An der weithin sichtbaren Uhr ging es Richtung Kämmerei, die damals richtig cool war, in der für die Religions-Klauser gelernt und Silvester gefeiert wurde. Nach langer Zeit biege ich hier wieder ein, um mich auf die Spur des Herrn Lahusen zu begeben. Und werde gleich durch ein kleines Plakat zur „Mode aus Delmenhorst“ in der Pförtnerhaus-Scheibe begrüßt. Erinnerungen werden wach, an die Zeiten, als ich im Hochsommer Winter-Wollstoffe für die Firma Delmod auf Akkord vernäht habe. Die Wolle kam aber schon damals nicht mehr von hier, 1981 wurde die Produktion ganz eingestellt.

Haupttor zum Nordwollegelände mit der markanten Uhr

Haupttor zum Nordwollegelände mit der markanten Uhr

Noch bin ich ahnungslos und denke mir, es kann ja nicht so schwer sein ein paar Fakten über Herrn Lahusen für diesen Bericht aufzuarbeiten. Weit gefehlt, die Geschichte ist komplexer als gedacht, überall auf dem Nordwolle-Gelände stehen Stelen mit umfangreichen erklärenden Texten und einigen alten Fotos. Da passt es, dass die bremer shakespeare company in Zusammenarbeit mit der Universität gerade jetzt eine szenische Lesung entwickelt hat, bei deren Premiere ich mir nur fix die relevanten Daten notieren wollte. Eigentlich.

Aus den Akten auf die Bühne: Prunk+Pleite in der shakespeare company

Es ist ein tolles Projekt: Studierende der Universität Bremen haben sich durch viele Archive gewühlt und tausende Seiten aus alten Akten zusammengetragen, die Aufschluss über das Leben von der Familie Lahusen geben. Aus den wichtigsten Passagen wurde eine szenische Lesung mit dem Titel „Prunk und Pleite einer Unternehmerdynastie. Der Konkurs der Nordwolle und die Bankenkrise 1931“ entwickelt, die einige Aufmerksamkeit vom Besucher abverlangt, aber höchst spannend ist. Denn die Geschichte der Familie Lahusen steht beispielhaft für Prinzipien in Wirtschaft und Politik, die sich stets wiederholen und damit ganz aktuell sind.

Auszug aus dem Pressetext:
„Das Prunkschloss der bankrotten Wollkönige“ – so lautete eine der reißerischen Schlagzeilen der Bremer Presse, als sie im Sommer 1931 über die Krise der Norddeutschen Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei AG – kurz „Nordwolle“ – berichtete. Für den Konkurs des größten europäischen Textilkonzerns aus Bremen wurden die Brüder G. Carl und Heinz Lahusen verantwortlich gemacht. Die Folgen des Niedergangs waren dramatisch: Einige Banken mussten schließen. Der Konkurs hatte Einfluss auf die nationale und internationale Wirtschaftskrise.
Anfang 1931 ist die Bremer Familie Lahusen auf dem Höhepunkt ihrer Macht angekommen. G. Carl Lahusen, Vorstandsvorsitzender des Nordwolle-Konzerns, ist ein gefeierter „Wirtschaftsführer“ und Präses der Handelskammer Bremen. Er residiert mit seiner Familie unter anderem auf Gut Hohehorst, das er zu einem schlossähnlichen Herrenhaus hat umbauen lassen. In der Bremer Innenstadt entsteht ein prunkvolles Verwaltungsgebäude für den Konzern, das heutige Haus des Reichs. Nur wenige Monate später beginnt der rasante Absturz: Im Juli 1931 verhaftet die Polizei die Brüder G. Carl und Heinz Lahusen. Dies ist der Auftakt zu dem letzten großen Wirtschaftsprozess am Ende der Weimarer Republik. Nach langwierigen Ermittlungen wird das Hauptverfahren erst im August 1933 vor dem Landgericht Bremen eröffnet. Das Gericht verurteilt die Brüder Lahusen wegen Fälschung der Bilanzen und Veruntreuung durch persönliche Entnahmen im Dezember 1933 zu Haft- und Geldstrafen. In der szenischen Lesung wird zum ersten Mal auch der bisher unbekannte Weg von G. Carl Lahusen nach seiner Haftentlassung verfolgt, der ihn nach Berlin und 1941 erneut vor Gericht führt.

Ich selbst habe Stichworte wie das damalige Acht-Klassen-Wahlrecht aufgegriffen, die mich fragen lassen warum von allzu wenigen das hohe Gut unseres derzeitigen Wahlrechts erkannt wird. Spannend auch, dass die Industrie außerhalb der damaligen Stadtgrenzen angesiedelt wurde, damit nicht zu viele Arbeiter, also tendenziell Sozialdemokraten, in die Stadt kamen. Dies und vieles mehr solltet ihr euch selbst anhören.

Termine
19. + 29. Mai, 4. + 22. Juni, 1. Juli jeweils um 19.30 Uhr im Theater am Leibnizplatz, Bremen
2. Juli um 19.30 Uhr in der Nordwolle Delmenhorst
Eventuell folgen weitere Termine, bitte beachtet die Tagespresse.

Szenische Lesung "Prunk + PÜleite" bei der bremer shakespeare company, Foto: Marianne Menke

Szenische Lesung „Prunk + Pleite“ bei der bremer shakespeare company, Foto: Marianne Menke

Die Norddeutsche Wollkämmerei & Kammgarnspinnerei in Delmenhorst

Der Fabrikant Christian Lahusen gründete das Unternehmen im Jahr 1884. Der Merino-Widder, dem der Besucher überall auf dem Gelände begegnet (manchmal scheint er auch auf den Bus zu warten) war nicht nur Schutzmarke, sondern ein Symbol für Macht und Stärke des Konzerns.

Die Lage war günstig gewählt, da die direkt angrenzende Bahnlinie die Anlieferung der Wolle aus den bremischen Häfen ermöglichte, und der Fluss Delme vor allem Wasser zum Waschen der Wolle bot. Die Wolle kam unter anderem aus Argentinien, wo Lahusen lange gelebt hatte.

Das Familienunternehmen wurde stetig ausgebaut und innerhalb zwei Generationen zum Konzern. Während das Unternehmen in Delmenhorst 1887 noch 900 Mitarbeiter hatte, so waren es in den 1920er Jahren bis zu 4.500 Arbeiter und Angestellte. Ein Viertel der Weltproduktion an Woll-Rohgarn kamen von hier. Der große Bedarf an Arbeitskräften und die schlechte Bezahlung führten dazu, dass Arbeitskräfte in Osteuropa angeworben wurden. Dadurch wuchs die Einwohnerzahl von Delmenhorst innerhalb von 20 Jahren auf das Dreifache, was Wohnungsnot und soziales Elend nach sich zog.

Nach dem Tod von Carl Lahusen sen. im Jahr 1921 übernahmen die Brüder G. Carl, Heinz und Friedel die Leitung. Eine unsolide Expansion, Missmanagement und die Weltwirtschaftskrise trieben die Firma 1931 in den Konkurs. Gewinne wurden verschleiert und Bilanzen gefälscht. Reichskanzler Brüning konnte die Insolvenz nicht abwenden und damit die inzwischen 20.000 Arbeitsplätze im Konzern retten. Die Verluste von etwa 180-240 Millionen Reichsmark waren zu hoch. G. Carl und Heinz Lahusen wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt und die Danatbank, Hausbank der Lahusens, wurde selbst zahlungsunfähig. Daraufhin wurden die Banken in Deutschland tagelang geschlossen.

Ein Besuch des Geländes der Nordwolle mit den vielen erklärenden Tafeln, unter anderem zu den Produktionsschritten, ist unbedingt zu empfehlen. Dort befindet sich auch das Nordwestdeutsche Museum für IndustrieKultur, sowie für die Pause ein Cafe und ein Restaurant.

Das Nordwolle-Gelände in Delmenhorst mit Museen und Gastronomie

Das Nordwolle-Gelände in Delmenhorst mit Museen und Gastronomie

Prunkvolle Nordwolle-Hauptverwaltung in Bremen

Die repräsentative Hauptverwaltung der Familie Lahusen ist besser bekannt als das spätere „Haus des Reichs“. Heute ist es Sitz der Finanzverwaltung. Passt doch irgendwie zur Geschichte. Außen erkennt man wieder das Symbol der Nordwolle: den Widder.

Auf der Website des Finanzressorts findet ihr viele Informationen zum Gebäude, ach was, dem Bau-Kunstwerk, und der Geschichte. Im Rahmen von Führungen kann das Haus auch besichtigt werden.

Mein Tipp: Dort befindet sich noch ein Paternoster. Warum auch immer, eine Fahrt darin macht Spaß und ist immer ein Muss, wenn ich mal im Gebäude bin.

Haus des Reichs in Bremen - Sitz von Finanzamt und senatorischer Dienststelle

Haus des Reichs in Bremen – Sitz von Finanzamt und senatorischer Dienststelle

Das Nordwolle-Gelände heute – idyllische Wohnlage mit Bahnanbindung

Die Villa Lahusen, das hellblaue Gebäude unten, diente als Wohnsitz der Familie, der durch die Nähe zur Fabrik ein schnelles Eingreifen – und eine ständige Kontrolle – ermöglichte. Es unterschied sich deutlich von den kleinen Backsteinbauten der Arbeiter. Nach dem Tod des Sohnes vom Firmengründer, Carl Lahusen, bevorzugte dessen Sohn G. Carl Lahusen seinen repräsentativen Wohn- und Geschäftssitz in Bremen und ließ 1927 auf dem Landgut Hohehorst, dem Sommersitz der Eltern, ein schlossähnliches Herrenhaus errichten. Der Betriebsrat zog ein, und kurz nach der Stillegung des Betriebes 1981 wurden im Gebäude 10 Eigentumswohnungen gestaltet.

Unter anderem im Rahmen der EXPO 2000 wurde das gesamte Gelände städtebaulich entwickelt. Viele neue Häuser wurden gebaut, die ich aufgrund meiner Liebe zur Industriearchitektur aber nicht aufgenommen habe. Die Gegend ist ausgesprochen grün und die Bewohnerstruktur gemischt. Ein Spaziergang oder eine Radtour lohnen auf jeden Fall. Der „Wollepark“, ein kleines Quartier aus Waschbeton, befindet sich stadteinwärts auf der anderen Seite des Flusses. Nach und nach verkommt er, immer mehr Gebäude stehen leer. Ich bin gespannt, ob die Gebäude irgendwann weichen und die gute Entwicklung des Nordwolle-Geländes dort fortgeführt wird.

Wohnen auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst

Wohnen auf dem Nordwolle-Gelände in Delmenhorst

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