Bremen literarisch: Ein Spaziergang durch die Innenstadt

Es ist etwa zehn Jahre her, da nahm ich schon einmal an einem Literarischen Spaziergang durch die Bremer Innenstadt teil. Eigentlich dachte ich, dass ich das damals Erzählte längst alles vergessen habe. Kürzlich nahm ich also noch einmal teil und musste feststellen: Literatur in Bremen auf so lebendige Weise erzählt, prägt sich deutlich länger ein, als man meinen mag.

Es ist Donnerstagnachmittag, kurz vor 16 Uhr, Mitte September. Ich warte im Eingangsbereich der Stadtbibliothek auf den Start des literarischen Spaziergangs. Draußen sind es an die 30 Grad – es soll der letzte wirklich sommerlicher Tag des Jahres sein.

Einige Minuten später entdecke ich Kirsten Steppat. Die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin führt seit über zehn Jahren Interessierte an literarisch bedeutende Orte der Stadt. Zunächst einmal erzählt sie mir etwas zum Startort. Die Stadtbibliothek ist nicht nur seit vielen Jahren Ausrichter der literarischen Spaziergänge, sondern war einst Spielort in einem Roman – damals noch als Teil des heute angrenzenden Polizeipräsidiums. Ein prominenter Autor war als US-Soldat nach dem Krieg hier stationiert und wurde Zeuge einer verheerenden Explosion. Im Innenhof des Gebäudes am Wall, ungefähr dort, wo Kirsten Steppat und ich jetzt gerade stehen, hatte man damals alle beschlagnahmte Munition gelagert. Ein kleiner Funke, vielleicht von einer Zigarette, reichte. Das Lager ging in die Luft und die Explosion riss fast 50 Menschen in den Tod. Diese Szenerie schilderte der besagte Autor später in seinem ersten Roman. Die Rede ist von Mario Puzo – Erschaffer des „Paten“. Sein erstes Buch „Die dunkle Arena“ erschien 1956 und spielte also unter anderem in Bremen. Wer hätte das gedacht.

Literarischer Ballungsort rund ums Rathaus

Wir verlassen die Stadtbibliothek und gehen in Richtung Innenstadt. Unser nächster Stopp ist vor dem Ratskeller. In den Katakomben saßen schon im 18. und 19. Jahrhundert große Literaten wie Heinrich Heine und Wilhelm Hauff. Letzterer war 1826 für einige Tage in Bremen gelandet, verliebte sich und wurde darüber nur zum Schreiben über die Hansestadt animiert. In seinen „Phantasien im Bremer Ratskeller“ ließ er sich nicht nur über Schönheit eines gewissen Fräuleins aus, sondern auch über den „erquickenden Anblick“ des „Freund Bacchus“, der auf dem Weinfass thront. Der Bremer Weinkeller verdankt dem Schwaben Wilhelm Hauff seinen heutigen Namen „Ratskeller“, denn im Süden hießen so die Weinkeller.

Der Bremer Ratskeller heißt dank Wilhelm Hauff so

Der Bremer Ratskeller heißt dank Wilhelm Hauff so

Auch dazu hat Kirsten Steppat eine spannende Anekdote parat: Heinrich Heine veröffentlichte nämlich im selben Verlag wie Hauff. Dass er dort heimlich einen Blick in ein unveröffentlichtes Manuskript von Hauff geworfen haben muss, verrät die Tatsache, dass in seinem Gedicht „Im Hafen“ im Reisezyklus „Die Nordsee“ von 1827 auf einmal auf die Rede von „Ratskeller“ ist – obwohl eben von Hauff noch gar kein Text vom Ratskeller veröffentlich war. 1894 wurde der Weinkeller dann offiziell in „Ratskeller“ umbenannt. So beeinflusst Literatur die Wirklichkeit.

Im Bürgerpark ist mit dieser Bank dem Schriftsteller Heinrich Heine ein Denkmal gesetzt

Im Bürgerpark ist mit dieser Bank dem Schriftsteller Heinrich Heine ein Denkmal gesetzt

Gebrüder Grimm machen Bremen zur Touristenhochburg

Eine weitere Station sind natürlich die Bremer Stadtmusikanten. Hier betont Kirsten Steppat den glücklichen Zufall, dass im Märchen ausgerechnet Bremen das Ziel war. „Es gab dafür keinerlei rationalen Grund, das ist tatsächlich zufällig entstanden“, sagt sie und führt weiter aus: „Auch dadurch ist Bremen heute so ein beliebtes Touristenziel. Die Bremer Stadtmusikanten sind ja wirklich weltweit bekannt.“ Wie immer ist eine kleine Menschentraube um die Statue der „Tierpyramide“ versammelt. Ich erwische trotzdem den richtigen Moment und schieße ein Foto ohne Menschen.

Sie wollten nach Bremen - es ist ihnen nicht zu verübeln

Sie wollten nach Bremen – es ist ihnen nicht zu verübeln

Der Bogen zur Gegenwart

Einige Schritte weiter machen wir Halt am Brunnen auf dem Unser-Lieben-Frauen-Kirchhof. Hier findet täglich (bis auf sonntags) der Blumenmarkt statt. Wir machen geschichtlich einen Sprung in die Gegenwartsliteratur und Kirsten Steppat erzählt und zitiert aus einem Gedicht mit dem Titel „At the flowermarkt“ von 1991. Die Urheberin ist die indische Autorin Sujata Bhatt, die in Bremen lebt. Sie ist weltweit bekannt, aber in der Hansestadt kaum jemandem ein Begriff. „Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie auf Englisch schreibt“, vermutet Kirsten Steppat. Obwohl der Markt zur jetzigen Stunde schon abgebaut ist, entstehen durch das Gedicht sofort Bilder im Kopf von der Vielfalt der hiesigen Blumen.

Ein renommierter Preis

Wir gehen um die Unser-Lieben-Frauen-Kirche herum, wobei mir die Literaturwissenschaftlerin von Rudolph Alexander Schröder erzählt. „Das ist wiederum ein Name, der vor allem Bremern bekannt sein dürfte und wenigen über die Stadtgrenzen hinaus“, erklärt sie. Der Autor aus dem 20. Jahrhundert ist Namensgeber eines der renommiertesten Literaturpreise Deutschlands – dem heutigen Bremer Literaturpreis, der mit 20.000 Euro dotiert ist. Er wurde zum 75. Geburtstag Rudolph Alexander Schröders 1953 ausgerufen, hatte schon sechs Jahre später seinen größten Skandal hinter sich – nämlich den „Blechtrommel“-Skandal, bei dem der Senat von seinem damaligen Veto-Recht Gebrauch machte, obwohl die meisten Gegner das Buch gar nicht gelesen hatten – und wird seit  1962 von einer unabhängigen Jury über die Rudolph-Alexander-Schröder-Stiftung verliehen.

Apropos „Günter Grass“: Kirsten Steppat weist auch darauf hin, dass Bremen die in der Stadtwaage sitzende Günter Grass-Stiftung eine der größten Sammlungen zeithistorischer Dokumente bezüglich des Schriftstellers zeigt. „Ein Besuch dort lohnt sich absolut“, betont sie.

Kirsten Steppat führt seit über zehn Jahren an literarische Orte Bremens

Kirsten Steppat führt seit über zehn Jahren an literarische Orte Bremens

Dem Roland zu Füßen

Es geht weiter. Nach wenigen Metern machen wir vorm Roland Halt. Hier steht in Kerstin Steppats Erzählungen der bekannte Autor Peter Weiss im Zentrum. 1982 bekam er den Bremer Literaturpreis verliehen und nannte sich selbst in seiner Rede in der Rathaushalle, wo der Preis alljährlich verliehen wird, den „verlorenen Sohn der Stadt“. Als er zwei Jahre war, zog seine Familie vorübergehend nach Bremen. In seiner Rede bekam der Roland einen besonderen Stellenwert, weil ihm schon als Kind immer die platte Figur zwischen den Füßen des riesigen Ritters aufgefallen sei. Symbolisch stehe dies für den ritterlichen Schutz des Bürgers, aber Peter Weiss habe immer eher eine Bedrohung in dieser Darstellung gesehen.

Peter Weiss empfand dieses Bild eher als bedrückend denn als schützend

Peter Weiss empfand dieses Bild eher als bedrückend denn als schützend

Durch die Gasse zum Wasser

Schließlich gehen Kirsten Steppat und ich noch durch die Böttcherstraße. Wir schlängeln uns durch eine Menschentraube unterhalb des Glockenspiels, das gerade läuft, und bleiben kurz vorm Ende an der Martinistraße stehen. Kirsten Steppat zeigt nach oben. Auf einem Schild lese ich den Namen „Crusoe“. Achja, das war ja etwas… Langsam kommt auch diese Erinnerung wieder: „Im ersten Absatz des Buches heißt es: Denn mein Vater war ein Ausländer aus Bremen…“, erzählt mir die Kulturwissenschaftlerin. Schneller ist Bremen wohl kaum in einem Roman je erwähnt worden. „Der Roman ist für seine Zeit übrigens auch wahnsinnig schnell ins Deutsche übersetzt worden“, betont Kirsten Steppat. „Innerhalb eines Jahres nach seiner Erscheinung 1719 gab es ihn auch in Deutsch.“ Ludwig Roselius habe, so erzählt mir sie mir zusätzlich noch, habe als Auftraggeber der Böttcherstraße das Robinson-Crusoe-Haus mit Absicht an das äußere Ende in Richtung Fluss bauen lassen. „Für ihn war die Figur der perfekte Hanseat.“

Hier nicht auf einer einsamen Insel, sondern am Anfang der Böttcherstraße gelegen

Hier nicht auf einer einsamen Insel, sondern am Anfang der Böttcherstraße gelegen

Die Robinson-Crusoe-Halle im gleichnamigen Haus - von Ludwig Roselius in Auftrag gegeben, weil er Robinson für den perfekten Hanseaten hielt

Die Robinson-Crusoe-Halle im gleichnamigen Haus – von Ludwig Roselius in Auftrag gegeben, weil er Robinson für den perfekten Hanseaten hielt

Abschließend gibt Kirsten Steppat noch ein Gedicht von Michael Augustin zum Besten. „Am Fluss“ von 1992 mit höchstwitziger Pointe, wie man es von den Texten des Rundfunkredakteurs gewöhnt ist, schließt damit nicht nur den Rundgang, der am Fluss endet, ab, sondern auch den Kreis zur gegenwärtigen Literaturszene in Bremen. Michael Augustin ist nämlich mit Sujata Bhatt verheiratet – und die ist uns ja schon zuvor am Blumenmarkt literarisch begegnet.

Auf dem Rückweg resümiere ich, dass ich doch noch sehr viel von dem Spaziergang vor gut zehn Jahren behalten hab. Einiges war auch ganz neu, vieles ist wieder aufgefrischt worden. Die Art und Weise, mit der Kirsten Steppat auch ganz alte Geschichten neu belebt, führt auf jeden Fall zu einem ziemlich eindringlichen Erlebnis.

Der Spaziergang findet immer von April bis Oktober in der Regel einmal im Monat statt. Zu finden sind die Termine auf der Seite der Stadtbibliothek Bremen.

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