Meine Stadt: Touristin wider Willen

In anderen Städten machen so etwas nur Senioren, Schwangere und all die, die es bequem oder schnell mögen, denke ich mir. Aber in der eigenen Stadt? Da käme das einem nie in den Sinn. Oder etwa doch? Ich nehme all meine Vorurteile zusammen und wage es: Eine Bus-Stadtrundfahrt durch meine eigene Stadt, das sonnige Bremen.

Ich stehe etwas verloren am Hauptbahnhof herum. Schließlich habe ich sowas noch nie gemacht! Doch den großen, komfortablen Reisebus der Bremer Touristik-Zentrale kann man gar nicht übersehen. Himmelblau mit weißem Schriftzug. Die Gästeführerin begrüßt uns. Die Tour werde in deutscher und englischer Sprache begleitet, da englisch sprechende Touristen an Bord sind. Wie praktisch, so kann ich gleich mal testen wie es so um meine Sprachkenntnisse bestellt ist.

10.58 Uhr. Der Bremen-Bus steht zur Abfahrt bereit.

10.58 Uhr. Der Bremen-Bus steht zur Abfahrt bereit.

Los geht es. Wir fahren durch die Bahnhofsvorstadt, die in den fünfziger und sechziger Jahren wieder aufgebaut wurde, und von der munteren Gästeführerin als „anderer Geschmack“ betitelt wird: „hübsch-hässlich“ beziehungsweise „pretty ugly“. Hübscher als die Vorstadt mutet das Übersee-Museum an, das 1896 eröffnet wurde und wirklich immer einen Besuch (Mao!) wert ist.

Was zum Sehen würdig ist

Ich überlege kurz, welche wichtigen Sehenswürdigkeiten wir überhaupt zu Gesicht bekommen werden. Stadtmusikanten, Schnoor, Schütting und den Spuckstein Gesche Gottfrieds kaum, denn der riesige Bus mogelt sich nicht einfach so durch die engen Wege der Altstadt. Die Tour führt uns entlang dem Stadtgraben und der Wall-Mühle, vorbei an der „Schweinerei in Bremen“, zu Beginn der Sögestraße. Ein Blick auf die Wall-Anlagen zeigt mir dank der heutigen Touristen-Brille wie grün Bremen doch ist: eine hügelige Parklandschaft mitten in der Innenstadt.

Gerade hier seien die typischen Sportarten für Bremen, Fahrradfahren und Schlittschuhlaufen, besonders gut auszuleben, erfahren wir durch das Mikrofon der Gästeführerin. Moment?! Schlittschuhlaufen? Ich erinnere mich, dass die kleine Weser in der Neustadt im Januar 2002 gefroren war. Das ist 13 Jahre her. Ganz unter uns: In Bremen selbst ist Eislaufen, sagen wir, eher unüblich. Aber in einem ordentlich frostigen Winter eignet sich das nahe Blockland mit seinen Wiesen dafür richtig gut.

Sonnig und klar: Auf dem Rückweg über die Wilhelm-Kaisen-Brücke in die Altstadt.

Sonnig und klar: Die Fahrt über die Wilhelm-Kaisen-Brücke in die Altstadt.

Vorbei an der DGzRS, die in diesem Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert, der „umgedrehten Kommode“ und am grün-weißen Bremer Olymp, dem Weser-Stadion, biegen wir vom Osterdeich Richtung Steintor ab. Der Krankenhaus-Komplex in der St.-Jürgen-Straße offenbart, wer hätte es gedacht, ein typisches Baumaterial der norddeutschen Tiefebene: den roten Backstein. Gleich daneben: der Neubau, ohne Backstein.

Dorf mit Straßenbahn oder Stadt ohne U-Bahn?

In der Bismarckstraße stehen die Bremer Häuser, die sich durch gleiche Bauweise, große Wohnfläche (bis zu 400 Quadratmetern!) und versteckte Hintergärten auszeichnen. Der Maxi-Bus biegt in die Graf-Moltke-Straße und damit in den schickeren Stadtteil Schwachhausen ein. Die über drei Kilometer lange Schwachhauser Heerstraße, die kurz vor dem Concordia-Tunnel beginnt, wurde zur Besatzungszeit Napoleons als Chaussee angelegt. Neben Berlin und Essen gehörte Bremen Ende des 19. Jahrhunderts zu einer der ersten Städte, in denen eine elektrische Straßenbahn eingesetzt wurde. Im Englischen: electric streetcar, eine Vokabel, die ich hoffentlich bald bei einer Wegbeschreibung anwenden kann. Eine U-Bahn wird es in Bremen übrigens wohl nie geben, der morastige Untergrund würde einen Bau unmöglich machen. Das gute Bremer Straßenbahnnetz macht dies auch gänzlich überflüssig, finde ich.

Wir fahren an der botanika und am zugehörigen Rhododendronpark vorbei, der rund 600 Wildarten und über 3.000 Züchtungen an Rhododendren und Azaleen beherbergt. Dann das Focke-Museum zur Linken. Hier steht unter anderem die gigantische und zugleich hanseatische Geschichte des Norddeutschen Lloyd im Fokus und die Gästeführerin gibt den schönen Ausspruch „Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd“ zum besten.

Direkt vor dem Universum, dem Bremer "Walfisch".

Direkt vor dem Universum, dem Bremer „Walfisch“.

Es ist einfach so: Bremer Wissen geht um die Welt

Als der Bus in Richtung Technologiepark fährt, zeigt sich meine Universitäts-Stadt als Wissenschaftsstandort par excellence: Neben rund 20.000 Studierenden und dem in Europa einzigartigen Fallturm sind hier Globalplayer wie die OHB Sytem AG und Glanzlichter der Wissenschaft wie das Fraunhofer IFAM-Institut und das Max-Planck-Institut ansässig. Bremen ist unter anderem mit Airbus Defence & Space einer der bedeutendsten Standorte für Luft- und Raumfahrt in Europa. Irgendwie weiß ich das alles, denke ich, aber in dieser geballten Informationswucht fühle ich mich doch überrascht vom Know-how meiner Stadt.

Vorbei an der Kunsthalle und den knalligen Fahnen zur aktuellen Bernard-Ausstellung.

Vorbei an der Kunsthalle und den knalligen Fahnen zur aktuellen Bernard-Ausstellung.

Zurück geht es, vorbei am Universum und dem herrlichen Ausflugs- und Spazierziel Bürgerpark, durch das etwas lautere, buntere Viertel, in dem ich wohl mehr Zeit während meines Studiums verbracht habe als an der Uni selbst. Und siehe da: Die Kunsthalle hat grellgelbe Fahnen gehisst, um die Bernard-Ausstellung, die noch bis Ende Mai läuft, zu bewerben.

Schnoor-Viertel und Böttcherstraße, das touristische Muss schlechthin, bleiben rechts versteckt. Die kleine Rundreise durch die Überseestadt verblüfft mich noch stärker. Ich war lange nicht hier und wenn, bin ich meist nur bis zur Abfertigung oder zu den Hochschultagen an der HfK gekommen.

Die Über-Seestadt am alten Hafen

2007 ließ sich ein großer Discounter als erster Mieter in einer alten Lagerhalle am Speicher I nieder. Da ahnte auch ich nicht, dass nur wenige Jahre später ein ganzer Stadtteil mit Marina, Geschäften, Werbeagenturen, Restaurants und Eigentumswohnungen wie eine Panorama-Landschaft aus dem Boden geschossen käme.

Die alte Bremer Tabakbörse im neuen Wachstumsviertel Überseestadt.

Die alte Bremer Tabakbörse im neuen Wachstumsviertel Überseestadt.

Ja, das alte Hafen-Quartier ist verdammt schick geworden – ohne dabei alte Industriebrachen aufzugeben oder mit Traditionen wie der Tabakbörse oder der alten Kaffee HAG-Fabrik zu brechen. Das macht das Ganze so besonders. Wir fahren vorbei am Landmark-Tower am Weserufer (meist komplett vermietet) zu den Weiten der dahinter liegenden Neubaugebiete (meist im Rohbau) mit ihren riesigen Spielplatzarealen für Doppelverdiener (meist kinderlos). Und ganz ehrlich: Dieser Stadtteil ist irrsinnig spannend, weil Altes und Neues beieinander liegen und man alles prima zu Fuß oder, noch besser, mit dem Rad erkunden kann.

Fällt sicherlich den wenigsten auf: Der Bauboom in der Überseestadt.

Fällt sicherlich den wenigsten auf: Der Bauboom in der Überseestadt.

Ach so: Die Tour endet wirklich am Marktplatz?

Noch ein Schlenker durch die Neustadt und vorbei an der Brauerei InBev, die die beliebten grünen Flaschen mit dem Bremer Wappen und dem Bremer Schlüssel heute vermarktet. Unklug war es allerdings zu überlesen, dass die Tour am Marktplatz, vor dem Konzerthaus Die Glocke endet. Auf dem Ticket steht es ganz deutlich, ich bin also die Dumme. Mein Fahrrad steht am Hauptbahnhof. Aber sonst: Fünf Sterne für einen sonnigen Vormittag, der mir nicht nur einen neuen Blick auf Bremen, sondern auch einen neuen, verliebten Blick auf meine „alte“ Stadt gebracht hat.
Das Gerichtshaus zur Rechten, die Glocke zur Linken, bitte aussteigen, die Busrundfahrt endet hier.

Das Gerichtshaus zur Rechten, die Glocke zur Linken, bitte aussteigen, die Busrundfahrt endet hier.

Update 2017: Die Maxi-Bus-Tour wurde durch die Citytour Bremen ersetzt. In dem modernen Bus geht es durch Bremen – vorbei an den Sehenswürdigkeiten der Hansestadt.

2 Anmerkungen zu “Meine Stadt: Touristin wider Willen

  1. Hansi says:

    Moin,
    Aber auf der Beck’s Flasche ist nicht der „Bremer Schlüssel“, der ist mit dem Bart nach oben und nach links geneigt. Eigentlich wollte man 1876 den Bremer Schlüssel in die Welt schicken, aber die Stadtväter wollten nicht mit Alkohol berühmt werden,
    So entschied man sich für einen Schlüssel der mit dem Bart nach oben, aber nach rechts geneigt ist. Beide Parteien waren damit einverstanden.
    (Eselsbrücke: Bremen immer nach links geneigt?)

    Grüße von Hansi

  2. Barbara Peper says:

    Danke für den Hinweis! Das wusste ich tatsächlich nicht.

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