Oberneuland: Das Dorf in der Stadt

Der Stadtteil im Bremer Nordosten strotzt schon auf Satellitenaufnahmen nur so vor Grün und auch vom Fahrrad aus staunte ich auf meiner kleinen Rundtour durch die Oberneulander Straßen nicht schlecht über den beeindruckenden Baumbestand. Auch ansonsten bietet der Stadtteil einen tollen Einblick in die über neunhundertjährige Geschichte.

Die ersten Bäume, die mir ob ihrer Größe und ihres offensichtlichen Alters den Atem rauben, begegnen mir bereits bei meiner Anfahrt nach Oberneuland.

Wahre Geschichte: An diesen Bäumen am Ikensdamm sind bestimmt schon Fuhrwerke auf ihrem Weg zur Mühle vorbeigefahren.

Wahre Geschichte: An diesen Bäumen am Ikensdamm sind bestimmt schon Fuhrwerke auf ihrem Weg zur Mühle vorbeigefahren.

Mit Sport beginnt es

Über den Ikensdamm radel ich am Achterdieksee und dem umliegenden Golfplatz vorbei. Diese Gegend ist gewissermaßen dem Sport gewidmet, denn gleich vorne, direkt hinter der Unterführung der Autobahn 27, bin ich am Bremer Schwimmverein sowie dem Tennisverband Nordwest e.V. vorbei gekommen. Rechter Hand, hinter dem Golfplatz sind außerdem der Bremer Hockeyclub und der FC Oberneuland ansässig.

Der Achterdieksee mit anliegender Golfanlage.

Der Achterdieksee mit anliegender Golfanlage.

Während ich auf dem unbefestigten Weg mitten durch die Golfanlage radel, stelle ich mir vor, dass hier früher die Fuhrwerke aus der Stadt zur Mühle unterwegs waren. Denn der Weg endet an der Rockwinkeler Landstraße direkt gegenüber der Oberneulander Mühle, die als Wahrzeichen des Stadtteils gilt und heute Museumsmühle des Focke-Museum ist.

Die Oberneulander Mühle stammt von 1848.

Die Oberneulander Mühle stammt von 1848.

Alte Gasthöfe und Adelsgüter

Auf der Rockwinkeler Landstraße fahre ich nach rechts und biege schließlich nach links in die Straße „Auf der Heide“ ab. Immer wieder entdecke ich zwischen mächtigen Baumkronen die Fassaden von Fachwerkhäusern. Kurz vor den Bahngleisen, die einmal quer von West nach Ost durch Oberneuland verlaufen, liegt linker Hand der Behrens-Hof. Heute sind in den Gebäuden des ehemaligen Bauernhofs Gesellschaftsräume für Privatfeiern und Hotelzimmer untergebracht. Dem Inhabernamen nach zu urteilen, ist der Hof nach wie vor in Familienhand.

Hotelzimmer und Räumlichkeiten für private Feierei: der Behrens-Hof.

Hotelzimmer und Räumlichkeiten für private Feierei: der Behrens-Hof.

Ich unterquere die Bahngleise und entdecke an der nächsten Kreuzung ein weiteres besonderes Gebäude. Vor allem das Reetdach fällt auf, aber auch sein typisches Fachwerk aus dunklen Holzbalken und weiß verputzten Fächern. Eine Infotafel verrät mir, dass das ehemalige Bauernhaus zwischen 1704 und 1716 errichtet wurde. Es gilt als eines der ältesten Gebäude Oberneulands und der damalige Besitzer Meyerdircks erhielt schon 1722 die Genehmigung, hier eine Schankwirtschaft zu betreiben. Bis zur Schließung 2014 war die Gaststätte in Familienhand. Da hier ganz in der Nähe ein Schlagbaum zur Abgrenzung eines Privatgrundstücks stand, bekam das Wirtshaus im Laufe der Jahrzehnte den Namen „Meyer am Boom“.

300 Jahre Gastwirtschaft: "Meyer am Boom" war auch für die "Städter" ein beliebtes Ziel.

300 Jahre Gastwirtschaft: „Meyer am Boom“ war auch für die „Städter“ ein beliebtes Ziel.

Gleich gegenüber von „Meyer am Boom“ beginnt das große Parkgrundstück des Gut Hodenberg. Die Anlage ist heute im Eigentum einer Stiftung. Ich schlendere am Zaun entlang und erlange hier und da einen Einblick in die Anlage. Das regt meine Fantasie an: Ich sehe Mitglieder der früheren Besitzern in edlen Gewändern durch den Park wandeln. Die Familie Hodenberg war adeliger Abstammung und hatte hier bis 1470 ihren Sitz. Nach einer Reihe unterschiedlicher Besitzer und der Umwandlung der Anlage in eine psychiatrische Klinik im 19. Jahrhundert, erwarb schließlich der Reeder und Kaufmann Robert Rickmers das Gut. Seitdem diente die Anlage auch als Treffpunkt für viele Künstler, die mit dem Besitzer befreundet waren. Unter anderem wirkte hier auch Heinrich Vogeler, der der ersten Generation der Künstlerkolonie Worpswede angehörte.

Die Kirche im Dorf

Ich gelange auf der Oberneulander Landstraße zu Kirche und Friedhof im ehemaligen Dorfkern. Immer wieder wechseln sich neuere Wohngebäude mit sehr alten, gut erhaltenen Fachwerkhäusern ab. Auch diese Straße ist gesäumt von alten, hohen Baumreihen.

Seit über 800 Jahren ist an diesem Ort ein Gotteshaus.

Seit über 800 Jahren ist an diesem Ort ein Gotteshaus.

Am Eingang des Friedhofs, der die Kirche im neugotischen Stil umgibt, schließe ich mein Rad an und schlendere zwischen den Gräbern um die Kirche herum zur alten Kapelle. Sie ist ebenfalls aus roten Backsteinen im neugotischen Stil erbaut und entstand Anfang des 20. Jahrhundert – rund 50 Jahre später als die Kirche. Auf manchen Gräbern kann ich Geburts- und Todesjahre aus dem 17. Jahrhundert entdecken. Hier und da lese ich auf den Grabsteinen für Oberneuland traditionsverdächtige Familiennamen wie Bremermann und Schumacher.

Es grünt so grün

Bei meiner Weiterfahrt auf der Oberneulander Landstraße begegnet mir rechter Hand nach einigen Hundert Metern den öffentlich zugänglichen Muhles Park, der den ohnehin schon grünen Stadtteil endgültig zur grünen Lunge macht.

Viele Parks und Gärten machen den Stadtteil zu einer grünen Lunge.

Viele Parks und Gärten machen den Stadtteil zu einer grünen Lunge.

Der Hof Schumacher ist das älteste Brinksitzerhaus. Von 2013 bis 2017 wurde das Gebäude umfangreich saniert und dient heute als Wohnhaus.

Der Haus Schumacher ist das älteste Brinksitzerhaus. Von 2013 bis 2017 wurde das Gebäude umfangreich saniert und dient heute als Wohnhaus.

Außerdem entdecke ich ein weiteres besonderes Gebäude: das Haus Schumacher. Bei dem reetgedeckten Haus von 1780 handelt es sich um das älteste verbliebene Brinksitzerhaus. Brinksitzer, auch Häusler genannt, waren Bauer mit eigenen Wohnhäusern, aber nur sehr wenig eigenem Land. Sie waren abhängig von Großgrundbesitzern. Früher gab es hier viele von diesen Häusern. Das Haus Schumacher hat daher einen für die Gegend repräsentativen, daher auch historischen Stellenwert und steht seit 1973 unter Denkmalschutz.

Über die Querverbindung „Im Holze“ gelange ich zur Rockwinkeler Heerstraße, die hier parallel zu den Bahngleisen läuft. Nach wenigen Metern in Richtung Westen gelange ich zum Klatte-Hof, ebenfalls eine historische Bauernhofanlage von 1709. Es ist ein prächtiges Fachwerkhaus mit angeschlossenem Backhaus. Seit 1990 sitzt hier der fast 70 Jahre alte Heimatvereen Oberneeland, der sich unter anderem um die Instandhaltung des historischen Bauwerks kümmert.

Im Klatte-Hof ist heute der Heimatverein Oberneuland untergebracht. Hier findet auch regelmäßig Amateurtheater statt, das in Oberneuland eine lange Tradition hat.

Im Klatte-Hof ist heute der Heimatverein Oberneuland untergebracht. Hier findet auch regelmäßig Amateurtheater statt, das in Oberneuland eine lange Tradition hat.

Auf dem Weg zur letzten Station mache ich noch einen kleinen Abstecher und folge der Rockwinkeler Heerstraße noch einmal in Richtung Dorfkern. Hier steht der Platenhof, der bis er 1933 abbrannte eine beliebte und bremenweit bekannte Gaststätte war. Hier fanden auch regelmäßig Kram- und Viehmärkte statt.

Hier fand früher der Platen-Markt statt, auf dem unter anderem auch mit Vieh gehandelt wurde.

Hier fand früher der Platen-Markt statt, auf dem unter anderem auch mit Vieh gehandelt wurde.

Das umgenutzte Bahnhofsgebäude bietet unterm dem Namen "Grand Central" Raum für Kulturelles und Privatveranstlatungen.

Das umgenutzte Bahnhofsgebäude bietet unterm dem Namen Grand Central Raum für Kulturelles und Privatveranstlatungen.

Ja sagen und von Bienen lernen

Schließlich unterfahre ich erneut die Gleise, passiere dabei ich das hübsche Bahnhofsgebäude, und gelange so zum Lür-Kropp-Hof in der Rockwinkeler Landstraße 5. Die Anlage besteht aus einem imposanten Haupthaus mit Nebengebäuden, dem Hochzeitshaus und einem großzügigen Park samt Naturpfad. Ich spaziere durch die umliegende Parkanlage und wundere mich nicht, warum so viele Bremerinnen und Bremer sich hier das Ja-Wort geben. Es ist wirklich sehr romantisch an diesem Ort. Mich interessieren aber vor allem auch die Lehrbienen im hinteren Teil des Parks. Neben allgemeinen Infotafeln zu Bäumen, Vöglen und weiteren Bewohnern der Anlage, gibt es auch mehrere Bienenvölker und Infotafeln zu ihnen.

Der Lür-Kropp-Hof: im Hochzeitshaus geben sich viele Bremerinnen und Bremer das Ja-Wort.

Der Lür-Kropp-Hof: im Hochzeitshaus geben sich viele Bremerinnen und Bremer das Ja-Wort.

Von Bienen kann man viel lernen. Im Lür-Kropp-Hof-Park gibt es daher einen Lehrbienenstand.

Von Bienen kann man viel lernen. Im Lür-Kropp-Hof-Park gibt es daher einen Lehrbienenstand.

Aufgetankt mit historischen Informationen und einer großen Portion Grün verlasse ich schließlich Oberneuland und radel wieder in Richtung Innenstadt. Ein bisschen fühlt es sich so an, als wenn ich von einem Mini-Urlaub auf einer kleinen Insel wieder zurückkehre. Oberneuland hat mich überzeugt. Hier verbinden sich Stadt und Dorf, neu und alt auf spannende Art und Weise. Ich bin mir sicher, dass ich bald wiederkomme. Allein, weil ich noch mehr über Bienen erfahren möchte :)

 

Tipp der Bremen-Profis: Wenn ihr in der Nähe dieser schönen Gegend übernachten möchtet, können wir das Landgut Horn empfehlen. In der Nähe befindet sich zudem das ATLANTIC Hotel an der Galopprennbahn. Ach ja, und Honig aus Bremen könnt ihr natürlich auch als Souvenir mitnehmen.

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