Ein Hauch von Hawaii – die Paradisos im Golden City

Chauvis und Chameure – das waren sie wohl, die Schlagergrößen der 50er und 60er Jahre. Zumindest geht es in ihren Liedern zum größten Teil ums Küssen und Verführen. Aber auch um aufrichtige Gefühle. Der Besuch bei einem Paradisos-Konzert offenbart mir noch so einiges über diese musikalische Richtung, mit der ich eigentlich überhaupt nichts am Hut habe.

Noch jetzt – Tage später – habe ich immer mal wieder einen kleinen hartnäckigen Ohrwurm eines der Lieder im Kopf, die vergangenen Donnerstagabend durch die Golden City Hafenbar am Europahafen tönten. Mal pfeifen meine Lippen unwillkürlich die Melodie des Nummer-Eins-Hits von 1964 „Liebeskummer lohnt sich nicht“, mal ertappe ich mich dabei, den Anfangstext des René Carol-Songs „Deinen Namen, den hab ich vergessen“ vor mich hin zu summen.

Schuld daran tragen Anselmo DiCaprio und Aldo Regozani (stilecht nur mit Künstlernamen unterwegs, versteht sich). Gemeinsam sind sie die Paradisos, tragen gerne Hawaii-Hemden und treten seit nun gut eineinhalb Jahren als Duo mit Live-Covern 60 Jahre alter Schlager auf. Ihren Job machen sie dabei wirklich gut – das beweist nicht nur die Hartnäckigkeit der mit nach Hause genommenen Ohrwürmer, sondern auch die Tatsache, dass das Golden City bereits eine halbe Stunde vor Beginn des Konzerts vollbesetzt ist. Es wird gejubelt und gejauchzt, als die Paradisos die Bühne betreten. Der Raum füllt sich mit vorfreudig glänzenden Gesichtern, dann geht es auch schon los. Der erste Song ist noch nicht einmal vorbei, da ist das Publikum auch schon aufgetaut, klatscht und singt mit als ob es kein Morgen gäbe.

Das kenne ich von den Konzerten, die ich sonst so besuche, eher weniger. Da braucht die träge Masse meist einen Moment, bis sie warm gelaufen ist. Nicht so bei den Konzerten der Paradisos, wie ich feststelle. Aber nur die Musik als Begründung dafür reicht mir nicht. Es muss doch noch andere Gründe für das Erfolgsrezept der beiden Musiker geben.

Draußen windig und regnerisch, innen ein Hauch von Hawaii: Die temporäre Golden City Hafenbar ist ein guter Ort zum Wegträumen in wärmere Gefilde.

Draußen windig und regnerisch, innen ein Hauch von Hawaii: Die temporäre Golden City Hafenbar ist ein guter Ort zum Wegträumen in wärmere Gefilde.

„Ganz egal, was die anderen denken, du sollst dich mir alleine schenken“ (Udo Jürgens)

Nicht nur während der mal flotten, mal frechen, mal herzzerreißenden Lieder wird viel gelacht. Auch wenn die beiden Bremer ihre Ansagen machen und sich auf der Bühne die Sprüche hin und her spielen, ist das Publikum ganz bei ihnen. Sie überzeugen – so stelle ich fest – auch durch sich selbst. Sie leben das, was sie auf der Bühne tun, ohne dabei unnahbar zu wirken. Am Ende des Konzerts scharrt sich eine kleine Traube von Menschen um sie. Ein kurzes Gespräch, ein Schulterklopfen, ein „Daumen hoch“.

Mit den Hawaii-Hemden kann nichts mehr passieren. Aldo Regozani (links) und Anselmo DiCaprio versprühen Charme und Witz.

Mit den Hawaii-Hemden kann nichts mehr passieren. Aldo Regozani (links) und Anselmo DiCaprio versprühen Charme und Witz.

Ich muss ganz ehrlich sagen: Würde ich die Paradisos nicht auch privat kennen und hätten sie ihr erstes Konzert nicht in meinem Wohnzimmer gespielt, wüsste ich nicht, ob ich an diesem Abend hier wäre. Die Schlagermusik war da bisher doch immer eher negativ für mich besetzt. Seit den Paradisos sehe ich das etwas anders. Es gibt Unterschiede – soviel steht fest. Die Schlager von vor sechzig Jahren erzählen von wahren Gefühlen und tiefen Bekenntnissen. Und sie meinen das auch so. Einer der Slogans der Paradisos heißt treffenderweise: „Sie spielen ihre Lieder dahin, wo sie am meisten weh tun: In eure Herzen.“ Tatsächlich kommt zwischen all dem Lachen auch immer mal wieder ein Fünkchen Wehmut in mir hoch. Die Songs strotzen vor Sehnsucht und laden ein zur Alltagsflucht. Jetzt verstehe ich, warum das Golden City heute abend aus allen Nähten platzt.

Voll besetzt: Das Golden City im Europahafen platzte schier aus allen Nähten. Vom ersten Song an wurde fleißig geklatscht, geschunkelt und gesungen.

Voll besetzt: Das Golden City im Europahafen platzte schier aus allen Nähten. Vom ersten Song an wurde fleißig geklatscht, geschunkelt und gesungen.

Jede Menge Instrumente: Die Paradisos haben an den Saiten so einiges zu bieten. Beim Hauch von Capri und Karibik dürfen die Hula-Mädchen natürlich auch nicht fehlen (Mitte).

Jede Menge Instrumente: Die Paradisos haben an den Saiten so einiges zu bieten. Beim Hauch von Capri und Karibik dürfen die Hula-Mädchen natürlich auch nicht fehlen (Mitte).

Mein Blick schweift durch die Fenster in Richtung Europahafen, wo gerade die Sonne untergeht. Das passt irgendwie zum sehnsüchtigen „Bella Marie“, in dem gerade die rote Sonne bei Capri im Meer versinkt. Die Texte und Melodien funktionieren eben auch ein halbes Jahrhundert später noch so gut, dass auch bei mir der eine oder andere Fuß mal ins Wippen gerät.

Udo Jürgens und Peter Alexander lassen grüßen

Als sich das Konzert nach über zwei Stunden dem Ende zuneigt, haben die beiden Paradiesvögel die gesamte Schlagerpalette von Peter Alexander („Kriminaltango“) bis Udo Jürgens („Kiss me quick“) gespielt. Sie haben dabei mit Mandoline, Tenorgitarre und Steel Guitar ihr instrumentales Repertoire präsentiert. Und: Sie haben auch beide immer noch Spaß daran, weiterzuspielen. Eine Zugabe folgt der nächsten, bis um kurz vor elf dann wirklich Schluss ist. Applaus, Jubel und Heiterkeit schlägt ihnen entgegen. Dann leert sich das Golden City, es wird eingepackt und die Realität holt mich langsam wieder nach Bremen in den Europahafen. Die Palmen vor meinem inneren Auge verschwinden und die Hawaii-Hemden werden gegen T-Shirts eingetauscht.

Die Sonne war schon lange im Meer - äh, in der Weser versunken, doch die Paradisos spielten immer noch.

Die Sonne war schon lange im Meer – äh, in der Weser versunken, doch die Paradisos spielten immer noch.

Was bleibt, sind die Melodien. Und die halten sich noch eine ganze Zeit in meinem musikalischen Gedächtnis – voraussichtlich bis zum nächsten Paradisos-Konzert. Denn wie ein weiterer Slogan des Duo verrät: „Nicht hingehen wäre Wahnsinn!“

Nach getaner Arbeit - obwohl: Wie Arbeit fühlt sich das wahrscheinlich gar nicht an.

Nach getaner Arbeit – obwohl: Wie Arbeit fühlt sich das wahrscheinlich gar nicht an.

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