Die Stadt unter der Stadt – Abwasseraufklärung im Pumpwerk

Im Alltag bekommen wir das kaum mit: In einem riesigen Netzwerk aus Kanalisation, Kabelschächten und Gängen unterhalb der Stadt wird tagtäglich für eine funktionierende Ver- und Entsorgung gesorgt. Im Alten Pumpwerk kann man sich anschauen, wie das mit dem Abwasser genau funktioniert.

Trotz des eisig kalten Wetters lasse ich es mir nicht nehmen, mit dem Rad nach Findorff zu radeln. Die Sonne scheint und es ist ein wunderbar klarer Tag. Am Alten Pumpwerk angekommen, nimmt mich der Vereinsvorsitzende Dieter Hasloop in Empfang.

Das Gebäude von 1915 steht heute unter Denkmalschutz.

Das Gebäude von 1915 steht heute unter Denkmalschutz.

Nach einem ersten kurzen Blick ins Innere der „heiligen Halle“, wie Dieter Hasloop sie nennt, setzen wir uns erst einmal zum Gespräch in die Cafeteria des anliegenden Betriebshofs von Hansewasser. Auch heute wird hier noch das Abwasser der Stadt gesammelt und durch einen sogenannten Düker unter der Weser hindurch zum Klärwerk in Seehausen gepumpt. „Bis 1995 haben das die Maschinen im Alten Pumpwerk übernommen“, erzählt Dieter Hasloop. Diese seien 1915 in Betrieb genommen worden und waren schließlich nach 80 Jahren „reif für die Rente“. „Die Pumpen konnten einfach technisch irgendwann nicht mehr das leisten, was neue Anlagen schaffen“, erklärt mir Hasloop. „Außerdem gab es keine Ersatzteile mehr.“

Die "Rakete" wird von Fachleuten Wasserschloss genannt und dient dem Druckausgleich moderner Pumpwerke.

Die „Rakete“ wird von Fachleuten Wasserschloss genannt und dient dem Druckausgleich moderner Pumpwerke.

Verein macht’s möglich

Dem alten Gebäude an der Salzburger Straße 12 drohte der Abriss. Viele ehemalige Mitarbeiter der damaligen Bremer Entsorgungsbetriebe setzten sich dafür ein, dass es am Ende als Industriedenkmal erhalten blieb. Mit 27 engagierten Leuten gründete man 1997 einen Verein und übernahm die Instandhaltung. Unterstützung bekam man auch von noch aktiven Mitarbeitern sowie aus den Führungsetagen der Entsorgungsbetriebe. „Unser Ziel war es, ein Kulturdenkmal zu schaffen und mit einer Ausstellung über die städtische Ver- und Entsorgung aufzuklären“, betont Dieter Hasloop, der bei der Vereinsgründung mit dabei war. Als langjähriger Mitarbeiter der Öffentlichkeitsabteilung lagen dem gelernten Historiker Thema und Projekt sehr am Herzen.

Hereinspaziert! Im hinteren Teil der Halle finden regelmäßig Konzerte statt.

Hereinspaziert! Im hinteren Teil der Halle finden regelmäßig Konzerte statt.

2010 gab es für den Verein einen Preis.

2010 gab es für den Verein einen Preis.

Gang durch die „heiligen Hallen“

Nach unserem Gespräch nimmt mich der frisch gewählte Vereinsvorsitzende auf eine kleine Führung mit ins Alte Pumpwerk. In der Pumpenhalle staune ich über die Schönheit der alten Pumpen aus Gusseisen, die bis zu 1000 Liter pro Sekunde transportieren konnten. „Das sind die sogenannten Regenwettersätze“, erklärt mir Dieter Hasloop. „Bei Trockenwetter sind es etwa 450 Liter pro Sekunde.“ Die Lage des Pumpwerks kommt nicht von ungefähr. Hier im Kleingartengebiet an der Grenze zwischen Findorff und Walle ist einer der tiefsten Punkte der Stadt. „Da Bremen generell sehr flach ist, muss das Wasser auf seinem Weg hierher teilweise mehrfach angehoben werden, damit es dann weiter hierher fließen kann“, erzählt Dieter Hasloop und zeigt mir an einem Modell den Bremer Abwasserentsorgungsplan. Rund 2300 Kilometer öffentliche Kanäle verlaufen in Bremen. Ich staune über diese Zahl.

Die "heilige Halle" misst insgesamt 560 Quadratmeter. Neben den Konzerten und Führungen werden hier auch Seminare und Tagungen vom Gebäudeinhaber Hansewasser abgehalten.

Die „heilige Halle“ misst insgesamt 560 Quadratmeter. Neben den Konzerten und Führungen werden hier auch Seminare und Tagungen vom Gebäudeinhaber Hansewasser abgehalten.

Ziemlich beeindruckend sind die Pumpen in der alten Halle. Sie beförderten 80 Jahre lang das Abwasser in Richtung Weser bzw. zum Klärwerk Seehausen.

Ziemlich beeindruckend sind die Pumpen in der alten Halle. Sie beförderten 80 Jahre lang das Abwasser in Richtung Weser bzw. zum Klärwerk Seehausen.

Unrat historisch gesehen

Natürlich wird sich dem Thema „Abwasser“ hier vor allem geschichtlich genähert. Ein Modell der historischen Altstadt entlang der Schlachte zeigt unter anderem wie im Mittelalter der ganze Unrat in die Weser gekippt wurde. (Auch vom alten Pumpwerk aus ging übrigens das Abwasser noch bis 1965 in die Weser.) Herr Hasloop weist im Modell auf einen kleinen Anbau an der Großen Weserbrücke hin (die Bremer Wasserkunst), über den Frischwasser aus der Weser geschöpft wurde. Keine zehn Meter weiter ist in der Brücke eine Luke zu erkennen, durch die nachts die Unrateimer entleert wurden.

Im Mittelalter wurde der Unrat der Stadtbewohner noch per pedes zur Weser gebracht.

Im Mittelalter wurde der Unrat der Stadtbewohner noch per pedes zur Weser gebracht.

Es wird schnell klar, wie wichtig eine kanalisierte Abwasserentsorgung mit steigender Bevölkerungszahl wurde. Pest und Cholera sowie andere Krankheiten konnten sich ansonsten bestens verbreiten. Brauereien kündigten frühzeitig mit einem heute noch gerne zitierten Slogan ihre Brautage an, weil sie ebenfalls mit Weserwasser arbeiteten: „Dass keiner in die Weser kacket, morgen wird gebraut.“

Der verzweifelte Versuch der Brauer, an sauberes Wasser für ihr Bier zu kommen.

Der verzweifelte Versuch der Brauer, an sauberes Wasser für ihr Bier zu kommen.

Aktives Engagement im Verein

Fast alles in der Ausstellung ist durch handwerkliche Mitarbeit von Vereinsmitgliedern entstanden. In Arbeitsgruppen wird stets an der Weiterentwicklung der Ausstellung geplant. Hinzu kommt der Veranstaltungsbereich, denn seit vielen Jahren werden in dem Gebäude auch regelmäßig Konzerte und andere kulturelle Events veranstaltet. „Das entstand im Grunde durch eine frühe Zusammenarbeit mit der HfK und dem Blaumeier Atelier“, erzählt Dieter Hasloop. Heute kommen jährlich bis zu 1700 Personen zu den Kulturabenden, die mindestens einmal im Monat stattfinden. Die Konzerte sind ein echter Geheimtipp und daher fast immer ausverkauft.

Hinzu kommen die Besucherinnen und Besucher der Führungen, die an jedem ersten Sonntag im Monat öffentlich angeboten werden und an anderen Tagen gebucht werden können. „Mit den Gästen unserer Abwassertouren, die wir für Schulen anbieten, kommen wir insgesamt auf 7000 Besucherinnen und Besucher im Jahr“, fasst Dieter Hasloop zusammen. Für einen Verein mit rund 100 Mitgliedern eine ganz schöne Summe. Dank der 40 aktiven Mitglieder ist das überhaupt möglich.

Auf dem Außengelände finden sich zusätzliche Exponate. Hier zum Beispiel, passend zu meinem letzten Beitrag, ein Stück des alten Balgekanals.

Auf dem Außengelände finden sich zusätzliche Exponate. Hier zum Beispiel, passend zu meinem letzten Beitrag, ein Stück des alten Balgekanals.

Ab in den Untergrund

Nachdem wir uns im hinteren Teil, wo die Veranstaltungen stattfinden, umgeschaut und auch dort die riesigen Pumpen begutachtet haben, steigen wir hinab in den Keller. Ich bekomme einen Helm und finde mich kurze Zeit später unterhalb eines Gullydeckels wieder. Rechts von mir erstreckt sich ein etwa 1,50 Meter hoher eiförmiger Kanal, der für Anschauungszwecke extra gebaut wurde. In gebückter Haltung folgen wir seinem gebogenen Verlauf und gelangen schließlich in den stillgelegten Kanalteil, der unterhalb der Pumpen verläuft. Hier wird noch einmal mehr deutlich, was die monströsen Gusseisen-Maschinen über 80 Jahre geleistet haben. Über ihre Ansauger, die unter Kennern auch Rüssel genannt werden, wurden unzählige Abwassermengen angehoben und mit Druck in das Kanalsystem in Richtung Kläranlage weiter geleitet. Heute ist hier alles stillgelegt und nur noch der Rost und andere Rückstände an den Rohren zeugen von jahrzehntelanger Aktivität. Dass hier ein ohrenbetäubender Lärm geherrscht hat, zeigt mir Dieter Hasloop später noch an einer interaktiven Station.

Einen Gullydeckel (oben links) sieht man auch selten von unten. Der Ovalkanal wurde extra gebaut. Hier trifft man den einen oder anderen Bewohner und Arbeiter an.

Einen Gullydeckel (oben links) sieht man auch selten von unten. Der Ovalkanal wurde extra gebaut. Hier trifft man den einen oder anderen Bewohner und Arbeiter an.

Erst einmal gehen wir aber durch den Museumsraum, der sich gleich neben dem stillgelegten Kanal befindet. Hier darf ich auch meinen Helm wieder abnehmen. In zahlreichen Vitrinen, anhand von Modellen von Abwasserwerken und Plänen sowie Karten wird ziemlich beeindruckend die komplexe Welt des Abwassers gezeigt. In einem Glasschrank sind alte Sicherheitsvorrichtungen samt Selbstretter und Vorläufern von Kanalkameras ausgestellt. Die Arbeit im Kanal muss hart und nicht ganz ungefährlich gewesen sein. Ein altes Schlauchboot, das einst auf unterirdischen Wasserstraßen unterwegs war, lehnt an der Wand. Reinigungsvorrichtungen und andere Utensilien werden gezeigt.

Hier flossen einst Tausende Liter Abwasser und wurden über die Ansauger der Pumpen weiter transportiert.

Hier flossen einst Tausende Liter Abwasser und wurden über die Ansaugstutzen der Pumpen weiter transportiert.

Beeindruckende Zahlen

Im Keller ist ein Museum mit jeder Menge Anschauungsmaterial entstanden. Viele Vereinsmitglieder haben hier selbst Hand angelegt.

Im Keller ist ein Museum mit jeder Menge Anschauungsmaterial entstanden. Viele Vereinsmitglieder haben hier selbst Hand angelegt.

Ich könnte noch deutlich mehr Zeit hier verbringen, lerne aber auch so schon eine ganze Menge. Die Darstellung der täglichen Abwassermengen in Bremen beeindruckt mich ziemlich: Nur mit dem Abwasser aus Privathaushalten (also ohne Gewerbeabwasser) ließe sich der Bremer Marktplatz locker bis zur Regenrinne des Rathauses füllen. Das Gewerbeabwasser oben drauf würde das Rathaus schon bedecken und wenn es dann auch noch Starkregen gibt, überragt der imaginäre Wasserkubus den Dom deutlich. Ganz schön viel!

Der Bremer Abwasserplan. Ein Netzwerk unter der Stadt. Am Stern zum Beispiel befindet sich ein ziemlich großes unterirdisches Steuerbauwerk, wo Abwasser umgeleitet werden kann (Bild unten rechts). Oben sieht man nichts davon.

Der Bremer Abwasserplan. Ein Netzwerk unter der Stadt. Am Stern zum Beispiel befindet sich ein ziemlich großes unterirdisches Steuerbauwerk, wo Abwasser umgeleitet werden kann (Bild unten rechts). Oben sieht man nichts davon.

Aufklärungsarbeit wird hier wirklich in feinster Form geleistet. Nur wer versteht, was es an Aufwand für die Ver- und Entsorgung in so einer Stadt bedarf, kann sein Verhalten auch verantwortungsvoller gestalten. Da leistet das Alte Pumpwerk definitiv einen guten Beitrag. Kein Wunder, dass dem Verein der Preis der Bremer Denkmalpflege 2010 zukam. Ich komme auf jeden Fall gerne nochmal wieder. Vielleicht ja auch mal, um im industriell-historischen Ambiente einem Konzert beizuwohnen.

Weitere Infos und Anmeldung zu Führungen unter www.altespumpwerk.de

Übrigens: In Hastedt in der Nähe des Weserwehrs gibt es das kleine Museum Adern der Stadt, wo es vor allem um die Versorgung (Wasser, Strom, Gas etc.) der Stadt geht. 

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