Up in the Air – Der Himmel ist nicht die Grenze

Wer sich für die Raumfahrt und ihre Entwicklungen interessiert, ist in Bremen richtig. Die Hansestadt ist einer der wichtigsten Standorte für Weltraumtechnologie und -forschung in Europa – das wissen selbst nicht alle Einheimischen. Seit über 50 Jahren wird zum Beispiel auf dem heutigen Airbus-Gelände am Flughafen Raumfahrttechnologie entwickelt und produziert. Ich war bei einer Führung dabei. #sternstunden2018

Am Treffpunkt vor der Glocke in der Innenstadt werden wir an einem Samstagmittag mit einem großen Bus eingesammelt. Gerd und Elke – unsere Gruppenführer – haben uns zuvor in Empfang genommen und zählen nun durch, während der große Reisebus sich in Bewegung setzt. 36 Leute sind heute dabei. Auf dem etwa zehnminütigen Weg zum Flughafen erzählt Gerd etwas zur Weser, die wir überqueren, er verweist auf die Schlachte und berichtet über die Neustadt. Es ist lustig, Bremen einmal aus den Augen einer Touristin zu sehen, denke ich.

Wir kreuzen die Neuenlander Straße und gelangen schließlich über die Airbus-Allee zum Werksgelände des Flugzeugherstellers. An der Eingangspforte kommen zwei Sicherheitsbeamte an Bord. Ab hier gilt strengstes Fotoverbot (die Fotos in diesem Blogbeitrag sind von Jonas Ginter und in einem Fotoshooting vor einiger Zeit entstanden) und wir müssen alle unsere Ausweise vorzeigen.

Gelände mit langer Tradition

Das Gelände hat eine lange Luft- und Raumfahrttradition. Schon in den 1920er Jahren eröffnete hier die Bremer Flugzeugbau AG, die schon kurz darauf in Focke-Wulf-Flugzeugbau AG umbenannt wurde. Über die Flugzeugkonstrukteure Henrich Focke und Georg Wulf habe ich schon einmal berichtet, nachzulesen hier. Heute arbeiten hier laut Gerd 5000 Menschen, ein Fünftel davon allein im Weltraum-Sektor.

Wir fahren vorbei an großen Werkshallen, in deren Innern sich Flugzeugtragflächen erahnen lassen. Zwischen den Gebäuden wird immer wieder der Blick auf die Landebahn des Bremer Flughafens frei. Das Transportflugzeug des Unternehmens, die Beluga, kann hier direkt nach Be- oder Entladung wieder in die Luft gehen.

Noch höher hinaus

An einem großen Gebäude kommt der Bus schließlich zum Halten. Wir steigen aus und finden uns kurz darauf vor einer Glaswand wieder, die den Blick in eine Werkshalle freigibt. „Das ist unser Clean Room“, erklärt Gerd. Hier würde über ein Filtersystem die Luft ständig gereinigt werden, sodass maximal 100.000 Staubpartikel pro Kubikmeter unterwegs seien. „Nur Labore für Computerchips und medizinische Zwecke sind sauberer.“ Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Heute arbeitet hier keiner, es ist ja Samstag. Das Stillleben aus Lastenkränen, silbrig-goldenen Folien, Alugerüsten und zahlreicher Messgeräte strömt eine futuristische Atmosphäre aus.

Hier kann ein Staubsauger nichts mehr ausrichten: Im Clean Room werden wichtige Komponenten der Ariane 5 und Weltraumlabore produziert.

Hier kann ein Staubsauger nichts mehr ausrichten: Im Clean Room werden wichtige Komponenten der Ariane 5 und Weltraumlabore produziert.

Gerd erzählt, dass in diesem Raum Teile der Ariane 5 entstanden seien. Genauer gesagt, die Oberstufe der Rakete, die als letzte Zündung die Trägerrakete auf Kurs bringt. Auch das sogenannte ATV (Automated Transfer Vehicle), das als Andock-Modul für ISS Ladung ins All bringt, wird hier gebaut.

In mir regt sich dieses Gefühl, das ich immer bekomme, wenn ich versuche, über die Weiten des Weltraums nachzudenken. Es ist schon ganz schön verrückt, was dem Menschen bereits so alles gelungen ist. Diese Erde, unsere Heimat, zu verlassen, im Raum zu schweben, den Planeten aus der Ferne zu betrachten – das muss ein gleichermaßen überwältigendes wie beklemmendes Gefühl sein.

Und auch dank des Standortes in Bremen ist dies überhaupt möglich.

Ein Film zum Staunen: Zehn Minuten geben Einblick, was der Mensch schon alles geleistet hat und Ausblick, was er noch leisten wird.

Ein Film zum Staunen: Zehn Minuten geben Einblick, was der Mensch schon alles geleistet hat und Ausblick, was er noch leisten wird.

Viele Modelle, lange Geschichte

In einem der oberen Geschosse nehmen wir nun Platz in einem Filmraum. Per Video wird die Geschichte der Raumfahrt und der Firma skizziert. Über uns hängt ein Modell des Start- und Abtrennungsprozesses der Ariane 5-Rakete. Überhaupt bekommen wir auf unserem Rundgang ziemlich viele Modelle in unterschiedlichen Maßstäben zu sehen. Nach dem Film wird die Gruppe aufgeteilt und wir laufen mit Elke weiter. Sie bleibt vor der Tür vor einem Schaukasten stehen, in dem das Essen der Astronauten gezeigt wird – heutzutage nicht mehr in Tuben, sondern eingeschweißt und durchaus alle möglichen Gerichte. „Das Leben im All ist natürlich eine große Umstellung“, erklärt Elke. „Schwerelosigkeit, Enge und einwirkende Kräfte können ziemliche Herausforderungen sein.“ Ein halbes Jahr bleiben die Astronauten meist an Bord der ISS, 400 Kilometer über der Erde.

Durch dicke Glasscheiben werfen wir noch einmal einen Blick von oben in den Clean Room. Elke erzählt, dass hier auch das Forschungslabor Columbus gefertigt wurde, das aktuell als europäisches Labormodul an der ISS angedockt ist. „Unten in der Halle befindet sich eine zweite Version vom Columbus-Labor“, erzählt Elke und zeigt in Richtung großer schrankähnlicher Aufbauten. „Falls es oben auf der ISS im Columbus-Labor Probleme gibt, können die Ingenieure hier unten das genau nachvollziehen und Lösungen entwickeln.“

Schwerelosigkeit und Gravitation

Wir betreten einen Raum, in dem unter anderem eine kleine Landschaft aufgebaut ist, wie sie einmal auf dem Mars existieren könnte. Ein Erkundungsfahrzeug auf Rädern, eine Station mit Solarzellen und natürlich Flaggen aller Nationen, die an einer Marslandung beteiligt sein könnten.

Auf jeden Planeten ein anderes Gewicht: Die Tabletts mögen alle gleich aussehen, wiegen aber je nach Planet ziemlich unterschiedlich.

Auf jeden Planeten ein anderes Gewicht: Die Tabletts mögen alle gleich aussehen, wiegen aber je nach Planet ziemlich unterschiedlich. Foto: Hergen Deuther / AIRBUS

An einer langen Wand stehen zehn Tabletts. Sie sehen alle gleich aus. Darüber jeweils das Bild eines Planeten unseres Sonnensystems und unser Mond. Ich ahne, worauf man hier hinaus will. Tatsächlich lädt uns Elke nun ein, die Tabletts alle einmal anzuheben. Sie sei gespannt, was uns auffällt. Ich reihe mich ein und hebe alle Tragevorrichtungen, die mit einem Liter Milch, einer Thermoskanne und ein wenig Geschirr bestückt sind, hoch. Venus und Erde sind ziemlich ähnlich im Gewicht. Auch bei Merkur und Mars nehme ich nur leichte Unterschiede wahr. Beim Mond ist es deutlich leichter, beim Jupiter muss ich richtig Kraft aufwenden. Auf diese Weise wird demonstriert, wie durch die unterschiedlichen Massen der Planeten auch unterschiedliche Gravitation und damit Gewichte herrschen. Auf einer Tafel lese ich: Das Tablett wiegt auf der Erde 5 Kilogramm, auf dem Jupiter hingegen fast 12 Kilo. Ich selbst würde dort übrigens an die 200 Kilogramm wiegen, auf der Sonne über 2 Tonnen! Zum Glück alles nur Theorie :)

Ab ins All

Durch einen weiteren Gang gelangen wir zum Herzstück der Führung. Wir betreten die ISS – genauer gesagt: Ein Modell einiger Module der ISS. In dem tunnelartigen Raum gibt es zahlreiche Knöpfe, Hebel und Griffe. Wir können uns ein Bild davon machen, wie es als ISS-Bewohner sein muss, zu duschen, zu schlafen oder auf die Toilette zu gehen: vor allem eng! Ich versuche mir vorzustellen, durch die Räume zu schweben. Durch die Schwerelosigkeit gibt es hier kein „oben“ und „unten“. Die Schlafkojen sind über unseren Köpfen oder aufrecht seitlich eingebaut, alles mit Gurten, damit man nachts nicht davon schwebt.

Eng und trotzdem so viele Möglichkeiten: In den Modulen der ISS wird geforscht und gelebt auf engstem Raum.

Eng und trotzdem so viele Möglichkeiten: In den Modulen der ISS wird geforscht und gelebt auf engstem Raum.

Im nächsten Modul befindet sich über unseren Köpfen eine Ausblickkanzel. Von hier aus können die Astronautinnen und Astronauten in die Tiefen des Weltraums schauen oder Außenarbeiten beobachten.

Pflanzen im Weltraum: Wichtige Nährstoffe sind gerade für lange Missionen unersetzlich. Auf der ISS wird getestet, was überhaupt im All wächst.

Pflanzen im Weltraum: Wichtige Nährstoffe sind gerade für lange Missionen unersetzlich. Auf der ISS wird getestet, was überhaupt im All wächst.

In einem weiteren Modul wird gezeigt, was an Forschungen durchgeführt wird. Unter anderem ist hier auch eine Art Terrarium eingelassen, in dem echte Pflanzen gezüchtet werden. So möchte man herausfinden, was oben im All wächst. Vielleicht lassen sich damit in der Zukunft Besatzungen auf längeren Missionen verpflegen.

In 90 Minuten um die Welt

Schließlich gelangen wir über eine Treppe in den letzten Abschnitt des Rundgangs. In einer großen Halle ist das original Spacelab-Modul ausgestellt. Das von der ESA gebaute Labor war bis 1998 insgesamt auf 22 Missionen. Es war ausschließlich für den Einsatz mit dem Space Shuttle konzipiert.

Blick ins Spacelab: Alles voll mit Schlaufen und Klettverschlüssen, damit nichts und niemand einfach davon schwebt.

Blick ins Spacelab: Alles voll mit Schlaufen und Klettverschlüssen, damit nichts und niemand einfach davon schwebt.

Hinten rechts: Die ISS als Modell und darüber die begehbaren Module. Vorne links das originale Spacelab, das hier in Bremen Anfang der 1980er Jahre gebaut wurde, dann bis 1998 auf 22 Missionen war und schließlich nach Außerdienststellung wieder an seinen "Geburtsort" zurück kam.

Hinten rechts: Die ISS als Modell und darüber die begehbaren Module. Vorne links das original Spacelab, das hier in Bremen Anfang der 1980er Jahre gebaut wurde, dann bis 1998 auf 22 Missionen war und schließlich nach Außerdienststellung wieder an seinen „Geburtsort“ zurück kam.

Von der Decke hängen hier noch einmal verschiedene Modelle und Entwicklungen der Firma. Die Oberstufe der Ariane 5, Sonden und ATVs und eine große Nachbildung der ISS. Die Weltraumstation ist in echt mit ihren Sonnenkollektoren und Modulen etwa so groß wie zwei Fußballfelder. Am Himmel erscheint sie als heller Lichtpunkt, „heller als jeder Stern“, wie Elke sagt. 90 Minuten braucht sie einmal um die Erde.

Auch wir sind nach etwa 90 Minuten wieder am Ausgangspunkt und steigen in den Bus, der uns zur Domsheide bringt. Irgendwo da oben im All schwebt die ISS über uns. Wenn ich sie das nächste Mal am nächtlichen Himmel erblicke, weiß ich: Teile von ihr stammen aus Bremen. Ziemlich beeindruckend – finde ich.

Einen kleinen Bewegtbild-Eindruck der Führung erhaltet ihr in Maikes Video. Wenn ihr selbst einmal an der Raumfahrtführung teilnehmen möchtet, könnt ihr sie hier direkt buchen.

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *