Rollstuhl-Experiment im Sommer-Trubel

In der Tourist-Information in der Böttcherstraße, direkt am Marktplatz, gibt es seit Kurzem ein schönes neues Angebot: Kostenlos kann man sich dort einen Rollstuhl ausleihen. Wer sich vor der Bremen-Reise also verletzt hat oder aus anderen Gründen nicht gut zu Fuß ist, der kann so die Stadt dennoch erkunden. Das habe ich zum Anlass genommen, den Rollstuhl einmal zu testen und die touristische Route, die in der Stadt durch Metall-Nägel gekennzeichnet ist, in einer barrierefreien Variante zu überarbeiten.

Bremen aus einer neuen Perspektive

Der Innenstadtplan mit der touristischen "Nagel-"Route

Der Innenstadtplan mit der touristischen Nagelroute

Der Umgang mit dem Rollstuhl ist mir privat nicht fremd. Bislang habe ich es aber nie geschafft, den Plan zu verwirklichen und selbst eine Rolli-Tour zu unternehmen. Wie verändert sich der eigene Blickwinkel, wie die Blicke der Menschen?

Der neue Leih-Rollstuhl war nun ein guter Anlass, endlich mal solch ein Gefährt auszuprobieren und mit den ganz persönlichen Erfahrungen eine barrierefreie touristische Route zu erstellen. Das ist auch hilfreich für alle, die beispielsweise einen Kinderwagen dabei haben.

Es handelt sich um einen Leichtgewichtrollstuhl Breezy –Parix für ein Körpergewicht bis 130 kg. Alles klar, das mit dem Gewicht passt. Vorne an den Rädern und hinten, für die Begleitperson, befinden sich Bremsen. Wichtig zu wissen: Der Rollstuhl hat keinen Kippschutz hinten und ist ungeübt nicht ganz leicht zu bewegen. Es ist also wichtig, dass eine Begleitperson zum Schieben dabei ist. Mit dem Glauben, die Muckibude müsste doch was gebracht haben, und auf der Suche nach dem Abenteuer mache ich mich als „Bitte-nicht-nachmachen“-Beispiel auf und fahre die gesamte Strecke alleine. Regulär müsste ich dafür als Pfand einen Personalausweis und 50 € hinterlegen.

Die touristische Route durch die Altstadt wird mit den wichtigsten Infos zu ausgewählten Sehenswürdigkeiten auf dem kostenlosen Innenstadtplan dargestellt, der in den Tourist-Infos und vielen Hotels ausliegt. Der Route folgt übrigens auch unsere Audioguide-Tour. Die Dateien dieser Tour füge ich hier zum Download ein, Audioguides könnt ihr aber auch vor Ort in der Tourist-Info ausleihen.

Von der Tourist-Info zum Start der Tour

Die reguläre Tour beginnt an der Obernstraße, denn früher befand sich dort unsere Tourist-Info. Seit dem Umzug passt die Route nicht mehr ganz. Egal. Es geht also erst zur Langenstraße. Rechts neben der Tourist-Info gibt es einen barrierefreien Zugang, über den Fahrstuhl komme ich auf die obere Ebene der Tourist-Info. Hier wird der reservierte Rollstuhl abgeholt.

Nun kann es losgehen. Mit dem Fahrstuhl geht es wieder nach unten, und dann durch die Hakenstraße in Richtung Liebfrauenkirchhof, Ecke Obernstraße. Der Weg ist eine erste Herausforderung: Ich wusste gar nicht, dass es in Bremen so bergig ist. Na ja, jedenfalls gefühlt, für Flachland-Verhältnisse. Kinder und Hunde treffe ich praktisch auf Augenhöhe, das ist eine neue Erfahrung. Aber ist ja auch süß, und das Wetter ein Traum – guter Dinge kann ich richtig starten.

Tourist-Infor im Kontorhaus - Marktplatz/Langenstraße

Tourist-Info im Kontorhaus – Marktplatz/Langenstraße

Der Marktplatz, Bremens gute Stube mit Welterbe

Auf dem Marktplatz ist die Hölle los. Besser gesagt, gläubige Menschenmassen bevölkern den Platz, die mit der Sonne um die Wette strahlen. Aus dieser Perspektive habe ich die Mädels nicht kommen sehen, die mit mir über Gott sprechen wollen, und ich kann auch nicht mal eben einen Schritt zurück gehen. Etwas mehr Abstand zu mir, und die Situation wäre mir weniger bedrohlich vorgekommen.

Wenn ihr euch auf dem Marktplatz umseht, dann habt ihr sicher mehr Glück und seht an Stelle von vielen Hinterteilen viele Vorderansichten – von wunderbaren historischen Gebäuden. Ganz bestimmt ist es einer der schönsten Plätze Deutschlands, den ihr dann erleben könnt. Rathaus und Roland gehören zum UNESCO-Welterbe und sind besonders imposant. Der Roland gefällt mir besonders, weil er ein Symbol für Freiheit ist. Gegenüber des Rathauses zeugt der prachtvolle Schütting von der Bedeutung der Kaufmannschaft. Auf der Westseite bieten die schönen Giebelhäuser ein tolles Bild, auf der Ostseite polarisiert das Gebäude der Bürgerschaft.

Roland und Rathaus, UNESCO-Welterbe, aus der Froschperspektive

Roland und Rathaus, UNESCO-Welterbe, aus der Froschperspektive

Faule Brüder in der Böttcherstraße

Vom Marktplatz geht es durch eine schmale Verbindungsstraße links neben dem Schütting zur Böttcherstraße. Über dem Eingang thront der Lichtbringer, der mit einer unrühmlichen Zeit der deutschen Geschichte zu tun hat. Schräg drüber aber, da thronen wiederum die Sieben Faulen, denen auch ein Brunnen geweiht wurde. Am Sieben-Faulen-Brunnen auf dem Handwerkerhof, auf dem auch die Stadtmusikanten verweigt wurden, genieße ich kurz Schatten, Ruhe und die Aussicht auf einen Lolli nach meiner Tour. Dann aber wieder zu Fuß, in der engen Manufaktur kann ich so besser stöbern.

Die Böttcherstraße, ein Gesamtkunstwerk

Die Böttcherstraße, ein Gesamtkunstwerk

Abstecher zur Schlachte

Die reguläre Route führt durch einen Tunnel von der Böttcherstraße zur Weserpromenade Schlachte, so unterquert man die Martinistraße. Ich nehme den Weg oben über die Ampel an der Martinikirche, und habe einen Heidenspaß die Rampe hinunter zu düsen. Yippieeehhh! Wer sich überlegt in der Schlachte-Gastronomie eine Pause einzulegen, der sollte die Rampe noch nicht herunterfahren, sondern erst einmal rechts abbiegen und an der oberen Promenade flanieren. Ein gutes barrierefreies WC gibt es in der Bar Celona.

Die Nagelroute weist nach links, ich mache aber einen Foto-Abstecher zu den Schiffen an der unteren Schlachte. So oft gesehen, und immer wieder schön.

Ein Abstecher zu den Schiffen der Schlachte

Ein Abstecher zu den Schiffen der Schlachte

Von der Schlachte zum Altenwall

Es geht nun weiter Richtung Tiefer. Den Löwen bitte ich schnell noch um ein wenig Kraft, denn es wird schon richtig anstrengend. Normalerweise würde ich durch den Tunnel direkt Richtung Schweini und weiter zum Schnoor gehen, aber in diesem Fall ist der Umweg etwas weiter. Die Steigung zum Altenwall komme ich alleine nicht hoch. Ich schiebe nun meinen eigenen Rollstuhl, und kläre eine Zufallsbekanntschaft auf dass es sich nicht um ein Wunder handelt. Für den Umweg entschädigt der Blick Richtung Osterdeich und Café Sand, den alle anderen nun verpasst haben. Auch hier wäre ein schöner Platz für eine Pause.

Löwe, gib mir Kraft! Aber der Blick auf den grünen Osterdeich entschädigt.

Löwe, gib mir Kraft! Aber der Blick auf den grünen Osterdeich entschädigt.

Gewusel in den Gassen des Schnoor

Das Schnoorviertel erreicht man an dem Platz, an dem Heini Holtenbeen ein Denkmal gesetzt wurde. Durch einen schmalen Gang gelangt man hier auf den Platz Wüste Stätte. Es ist zwar sehr eng und voll, aber – wie auf der ganzen Tour – sind alle freundlich, aufmerksam und machen ausreichend Platz. Zum Weg „Schnoor“ komme ich genau so durch, als wäre der Rollstuhl dafür gemacht. Das nachfolgende Bild oben links zeigt den Durchgang mit den wegweisenden Nägeln auf dem Boden.

Ein barrierefreier Zugang zum Geschichtenhaus befindet sich auf der Rückseite des Packhauses, mir wurde von der freundlichen Mitarbeiterin im historischen Kostüm gleich die Begleitung angeboten.

Beim Kaiser Friedrich wäre es eigentlich links herum gegangen, vorbei an der Propstei St. Johann. Da dort Treppen sind wähle ich den Weg am Landherrnamt entlang zur Domsheide. An der Biegung Balgebrückstraße-Dechanatstraße findet man die Nagelroute wieder, die über Straßen, Gleise und Radwege führt. Hier ist äußerste Vorsicht geboten, ich war froh dass ich die Verkehrssituation dort so gut kenne. Also: Augen auf!

Im Schnoorviertel wird es eng, besonders an der Wüsten Stätte

Im Schnoorviertel wird es eng, besonders an der Wüsten Stätte

Dom, Marktplatz – und endlich die Stadtmusikanten

Vor dem St. Petri Dom kann ich durchatmen, sofern ich mich nicht auf den kaum als solchen erkennbaren Radweg stelle. Am Rande des Platzes betrachte ich in Ruhe die Fassade. Ein barrierefreier Eingang befindet sich übrigens um die Ecke. Im Bibelgarten würde sich nun eine besonders entspannte Pause anbieten, dort gibt es eine Gastronomie.

Entlang der Rathaus-Arkaden (bitte achtet auf die Straßenbahn, die daneben fährt!) geht es dann auf die andere Seite des Rathauses zu der bekanntesten Skulptur der Bremer Stadtmusikanten. Das ist die von Gerhard Marcks. Durch die Hakenstraße fahre ich dann zurück zur Tourist-Info, wo ich den Rollstuhl wieder abgebe.

Die Bremer Stadtmusikanten am Rathaus

Die Bremer Stadtmusikanten am Rathaus

Es war eine sehr spannende Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Ich habe den Rollstuhl als tolles Hilfsmittel kennen gelernt, das mir Bewegungsfreiheit schenkt wenn ich mal nicht so gut zu Fuß bin und mir sonst überlegen würde, die Reise abzusagen. Aber bitte mit einem netten Menschen der mich im Rolli schiebt. Und mir einen Lolli kauft.

Die barrierefreie Bremen-Entdecker-Route

Nachfolgend findet ihr die 2 km lange barrierefreie Route. Ich betrachte diese als Wegweiser, in allen Quartieren sollte man sich unbedingt frei auch abseits der Tour bewegen und Zeit verbringen. Stramm die Route in einem Rutsch abzufahren bzw. abzulaufen ist nur etwas für diejenigen mit ganz wenig Zeit. Zudem lohnt es sich, auch nach anderen Sehenswürdigkeiten links und rechts des Weges zu schauen, wie zum Beispiel dem Bremer Loch oder dem Glockenspiel.

Ganz viele Infos zu barrierefreien Angeboten findet ihr übrigens unter bremen.de/barrierefrei.

Ein Kommentar zu “Rollstuhl-Experiment im Sommer-Trubel

  1. Nina Steljes says:

    Ja- BREMEN ist eine total schöne Stadt!!! Es gibt überall etwas zu entdecken!

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