Salon Obscura: Kunst und Illusion erleben

Ich befinde mich in einem Fahrstuhl, der unaufhaltsam in die Tiefe rast. Krampfhaft halte ich mich an einem Griff fest, der Boden unter mir wackelt und rüttelt. Blitze erhellen kurzzeitig den kleinen Raum, doch vor lauter Qualm kann ich kaum noch etwas erkennen. Kurz vor dem Aufprall wird es auf einmal schlagartig dunkel… Nein, keine Sorge. Ich bin nicht wirklich in Gefahr. Der Fahrstuhlabsturz ist nur eine Illusion. Denn ich befinde mich im Salon Obscura im Bremer Viertel und hier ist nichts so, wie es scheint.

Aber beginnen wir doch einfach am Anfang: Es ist Dienstagmittag und ich betrete in der Hollerstraße 6 nichts ahnend durch einen Vorhang aus edlem Jacquard eine andere Welt. Auf einmal ist es abends und ein nur mit Kerzen beleuchteter Innenhof empfängt mich. Unweigerlich werden vor meinem inneren Auge Filmbilder und Schauermärchen aus der längst vergangenen Stummfilmepoche lebendig.

Zeitreise in die 1920er Jahre

Schon im Eingangsbereich wird klar: Es ist kein ganz normales Hotel, das ich sogleich betreten werde. Nachdem ich vor einem kleinen Regenschauer flüchtend einen großen Gong am Eingang geschlagen habe, empfängt mich im nächsten Raum der Concierge des Hauses. „Nehmen Sie Platz, herzlichen willkommen im Salon Obscura. Auf welchen Namen haben Sie reserviert?“ Unversehens befinde ich mich nun also an der Rezeption eines Hotels. Vom Concierge erfahre ich, dass es sich hierbei um das Anwesen der ehemaligen Varieté-Diva Madame Obscura handelt, die durch ein tragisches Schicksal umkam und nun als Geist durch die Gänge wandelt. Auch von ihrem Onkel Leo sind nur noch die Augen geblieben, die mich jetzt unter einer hübschen Glasglocke hervor anstarren. Ich fühle mich beobachtet und hab ein bisschen Sorge, was mir auf dem Weg zu meinem Zimmer noch so alles begegnen wird.

Nach dem Eintreten empfangen einen schummriger Hinterhof und ein mysteriöser Concierge an der Rezeption.

Nach dem Eintreten empfangen mich einen schummriger Hinterhof und ein mysteriöser Concierge an der Rezeption.

Kurios: Onkel Leo tut, was er am besten kann: Starren! Und die "Pusteblume" verschluckt sich immer mal wieder am eigenen Dampf :)

Onkel Leo tut, was er am besten kann: Starren! Und die „Pusteblume“ verschluckt sich immer mal wieder am eigenen Dampf :)

Gruselkabinett mit viel Charme

Der Concierge lädt mich noch auf eine geräucherte Rosenblütenlimonade ein, dann schiebt er mich in Richtung einer schwarzen Tür, hinter der sich angeblich mein Zimmer mit der Nummer 126 befindet. Dass soeben während meiner Anmeldung ein verirrter Mann aus dem dahinter gelegenen Labyrinth befreit wurde, der behauptete, er sei dort drei Tage verschollen gewesen, führt nicht gerade zu einem entspannten Gefühl in mir, als ich die schwarze Holztür aufstoße. Dahinter: Dunkelheit – und ein etwa ein Quadratmeter großer Raum, dessen Wände wiederum aus vier schwarzen Holztüren bestehen. Allerdings steht auf keiner der Türen meine Zimmernummer. Eine der Türen lässt sich öffnen und so gelange ich in den nächsten Raum, wieder ein Quadratmeter, vier schwarze Türen mit unterschiedlichen Zimmernummern. Erneut nicht die 126 dabei. Das Spiel wiederholt sich, bis ich nach einigen Türen endgültig die Orientierung verloren habe. Ich atme kurz durch und arbeite mich dann systematisch durch das Türenlabyrinth. Schließlich gelange ich so in einen rotlichtigen Hotelgang, an dessen Wänden die ersten Fotografien hängen.

Die Rosenlimonade wird live mit Rosenblätter geräuchert. Sieht schön aus und schmeckt sehr lecker!

Die Rosenlimonade wird live mit Rosenblättern geräuchert. Sieht schön aus und schmeckt sehr lecker!

Kunst mit allen Sinnen

Der Salon Obscura ist nämlich nicht nur einfach Gruselkabinett und Labyrinth. Vielmehr dient das Etablissement dem Erleben von Kunst und ist damit im Grunde so eine Art Galerie mit Dauerausstellung. Nur, dass die Wände hier eben nicht weiß sind, sondern Teil eines Gesamtkunstwerks. Während sich die Gäste durch eine Welt der Goldenen Zwanziger hindurch bewegen, erleben sie die ausgestellten Bilder mit allen Sinnen. Die Arbeiten stammen aus der Hand des Künstlers Phil Porter. „Handgefertigte Fotografien der alten Schule“ heißt es auf der Internetseite des Fotografen. Und tatsächlich erfahre ich hier, tief im Innern des Salon Obscura nun vom sich zu mir gesellten Concierge, der niemand geringeres ist als Phil Porter selbst, dass die hier ausgestellten Bilder alle beim Shooting so entstanden sind und nicht nachbearbeitet wurden.

Eine Ausstellung der besonderen Art: Die Fotografien verschmelzen mit der Kulisse zum Gesamtkunstwerk. Ihre eindringliche Wirkung wird dadurch noch verstärkt.

Eine Ausstellung der besonderen Art: Die Fotografien verschmelzen mit der Kulisse zum Gesamtkunstwerk. Ihre eindringliche Wirkung wird dadurch noch verstärkt.

Liebevolle Arbeit im Namen der Kunst

Beim Betrachten mit den eigens hierfür ausgelegten Taschenlampen komme ich ins Staunen. Denn die Fotografien gleichen eher Gemälden, ihre Protagonisten könnten allesamt den Jahrmärkten der 1920er Jahre entsprungen sein, das Bildsetting ähnelt eher einer Theaterkulisse. Während ich mich langsam durch den Gang bewege und jedes einzelne Kunstwerk auf mich wirken lasse, verweist der Concierge noch auf die kleinen Tickethalter, die neben jedem Rahmen hängen. „Wenn dir ein Bild gefällt und du es kaufen möchtest, ziehst du hier das Ticket und kannst es dann an der Rezeption einlösen.“

Am Ende des Gangs betrete ich schließlich den eingangs erwähnten Fahrstuhl und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Obwohl der Absturz nur eine gut gemachte Illusion ist und wir uns eigentlich keinen einzigen Höhenmeter bewegen, bin ich dennoch sehr froh im nächsten Gang wieder festen Boden unter der Füßen zu haben. Das bleibt allerdings nicht lange so, denn ich muss noch durch ein Becken voller goldener Bälle balancieren und ein Spiegelkabinett durchqueren, bevor ich durch einen Geheimgang erleichtert wieder die Rezeption betrete.

Bällebad, Spiegelkabinett, Geheimgang: Der Salon Obscura ist eine Mischung aus einer Filmkulisse aus Stummfilmzeiten, Zauberkabinett eines Jahrmarkts der 1920er Jahre und Escape Room.

Bällebad, Spiegelkabinett, Geheimgang: Der Salon Obscura ist eine Mischung aus einer Filmkulisse aus Stummfilmzeiten, Zauberkabinett eines Jahrmarkts der 1920er Jahre und Escape Room.

Bleibendes Kunsterlebnis

Ich darf auch noch einen Blick in das Studio werfen, wo viele der Fotografien entstanden sind und weitere entstehen werden. Auch diesem Raum lässt sich anmerken, dass in den Arbeiten von Phil Porter viel Detailliebe und ein wahres Faible für ausdrucksstarke Bildwelten stecken. Er berichtet, dass es manchmal Monate dauert, bis alles Vorbereitungen für ein Bildmotiv getroffen sind.

Auch im frisch eröffneten Salon Obscura findet sich jede Menge Arbeit, die vom Fotografen selbst und zahlreichen helfenden Händen geleistet wurde. Längst sind noch nicht alle Ideen umgesetzt, verrät mit Phil Porter zum Schluss. So soll es demnächst noch ein Ein-Personen-Kino mit Making-Off-Filmen und Hörstationen zur Entstehung einzelner Bilder geben. Außerdem sei natürlich irgendwann auch einmal das Zimmer 126 fest eingeplant, was auch immer sich hinter der Tür dann verbergen mag.

Ich verlasse schwer begeistert den Salon Obscura und behalte die Eindrücke noch lange in Erinnerung. Phil Porter hat die Welt, in die seine Fotokunst schon lange Einblick gewährt, aus den Rahmen befreit und in die Wirklichkeit geholt. Ich komme auf jeden Fall wieder und wandere gerne erneut durch die schaurig-schöne Welt der Madame Obscura.

Treten Sie ein in die Welt der zauberhaften Illusionen, lassen Sie sich keinen Schauer entgehen, werden Sie Teil eines Gesamtkunstwerks - so oder so ähnlich könnte eine Figur aus Phil Porters Fotografien Passanten in den Salon Obscura locken.

Treten Sie ein in die Welt der zauberhaften Illusionen, lassen Sie sich keinen Schauer entgehen, werden Sie Teil eines Gesamtkunstwerks – so oder so ähnlich könnte eine Figur aus Phil Porters Fotografien Passanten in den Salon Obscura locken.

La Rebelión: Zwischen Varieté und dem Rausch einer Nacht

Seit einigen Jahren lässt Phil Porter groteske Welten und glamouröse Figuren auch bei seinem Maskenball La Rebelión im Parkhotel lebendig werden. Dort wird dann mit rund 400 Gästen eine Nacht lang mit allen Sinnen ein berauschendes Fest gefeiert. Es treten Diven und Dandys auf, Gäste werden entführt in eine bunte Jahrmarktswelt voller Extravaganz und Skurrilitäten. Im Jahr 2020 wird unter dem Motto „Tanz der Toten“ Ende Oktober eingeladen. Und übrigens: Madame Obscura wird auch unter den Gästen sein. Ihr wird wie schon bei vergangenen Veranstaltungen wieder die digitale Live-Übertragung der Show zugetragen.

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