Wenn Piraten die Schlachte entern

Einmal im Jahr passiert es: Ein Teil der Schlachte verwandelt sich in einen Freibeuter-Markt. In der Adventszeit wird hier ganz im Sinne der Hanse und maritimer Geschichte gehandelt, was das Zeug hält. Ich bin am ersten Abend mal über den Markt geschlendert und habe die vorweihnachtliche Stimmung in Bildern und Worten festgehalten.

Bitterkalt ist es am Eröffnungsabend des Schlachtezaubers. Das fördert direkt das Winter-Gefühl. Und dann ist da noch dieses bläulich bezaubernde Licht in den Bäumen, das sich über alles legt und auch in mir eine vorweihnachtliche Stimmung aufsteigen lässt.

Freilichttheater und Feuerwerk

Alles beginnt an diesem Abend mit einem Freilichttheater-Stück der bremer shakespeare company. Das ist Tradition. Es geht um Wikinger, die Entführung einer gewissen Windsbraut und den Ritter Roland. Entlang der Schlachte und auf der Teerhofbrücke haben sich unzählige Neugierige zusammen gefunden und verfolgen die inszenierte Schlacht auf einem der Schwimm-Stege unten am Weserufer. Ich habe Schwierigkeiten, einen guten Platz für Fotos zu finden – so eng drängen sich die Besucher an den Rand der Uferbefestigung. Mit dem Ende der etwa fünfzehn-minütigen Inszenierung startet schließlich ein Feuerwerk. Auch das ist Tradition. Etwa zehn Minuten lang erleuchten die bunten Raketen das Flussufer und lassen all die Gesichter vorfreudig glänzen. Von den Gebäudefassaden auf dem Teerhof reflektiert der Schall.

Zur Eröffnung gibt es traditionell ein kurzes Theaterstück und ein Feuerwerk

Zur Eröffnung gibt es traditionell ein kurzes Theaterstück und ein Feuerwerk

Die letzten Salven eröffnen dann schließlich den Schlachtezauber. Nun strömen Hunderte von Weihnachtsmarkt-Hungrigen die Treppen von der Uferpromenade hinauf und von der Teerhof-Brücke hinunter. Da ich erst einmal ein paar gute Fotos vom blauen Schummerlicht aus etwas Distanz machen möchte, kämpfe ich mich mit Stativ und Kamera gegen den Strom auf die Brücke. Dieser Anblick ist für Bremerinnen und Bremer, die sich in der Weihnachtszeit abends über die Weser bewegen, seit einigen Jahren Gang und Gebe. Der blaue Schimmer, der dann rechts der Weser auf Höhe der Innenstadt liegt, ist deutliches Zeichen, dass sich langsam alles auf Weihnachten vorbereitet.

Blau in blau - auch der Weser Tower fügt sich gut ins Gesamtbild, das man an der Schlachte im Dezember vorfindet

Blau in blau – auch der Weser Tower fügt sich gut ins Gesamtbild, das man an der Schlachte im Dezember vorfindet

Selbst der Mond spielt das verzaubernde Spiel der Piraten mit

Selbst der Mond spielt das verzaubernde Spiel der Piraten mit

Schummerlicht und Schunkellaune

Jetzt stürze ich mich ins Getummel. Während sich nach links in Richtung Brill ein klassischer Weihnachtsmarkt mit Glühweinständen und Schmalzkuchen-Buden hinzieht, wende ich mich von der Teerhofbrücke nach rechts. Hier sind alle Buden aus Holz gezimmert, altertümliche Feuerlampen schaukeln im seichten, eisigen Wind und tauchen alles in ein warmes, natürliches Licht. Vor den kleinen Holzverschlägen haben sich inzwischen zahlreiche Besucher versammelt. Sie stoßen mit heißem Met, leckerem Fruchtwein und anderen Gaumenwonnen an oder naschen vom Räuber-Spieß, von Suppen und Maronen. Überall duftet es anregend.

Blauer Dunst - zusammen mit der warmen Beleuchtung der Holzbuden ergibt das eine gemütliche Stimmung

Blauer Dunst – zusammen mit der warmen Beleuchtung der Holzbuden ergibt das eine gemütliche Stimmung

Alles steht im Zeichen der Freibeuter. Man bezahlt hier in Talern, Golddukaten und Euronen – zumindest sind an vielen Buden die Preise in diesen Währungen angegeben. Wenn jemand Trinkgeld gibt, wird das im lauthalsen Stil der Piraten mit einer großen Glocke verkündet. Die piratenhaft gekleideten Verkäufer in den Buden sind um keinen Spruch verlegen und sprechen nicht selten ihre Kunden in der zweiten Person plural an.

Wo, wenn nicht an der Schlachte, sollte ein Schlachtschiff aufgebaut werden?

Wo, wenn nicht an der Schlachte, sollte ein Schlachtschiff aufgebaut werden?

Kunsthandwerk und Kulinarisches

Neben den kulinarischen Freuden entdecke ich auch allerlei Kurioses und Schönes, das hier „verhökert“ wird. Lustige kleine Figürchen, Schmuck, Kinderspiele aus Holz, individuell gestaltete Vogelhäuschen, Kerzen sowie Mode aus Wolle und anderen Naturprodukten verkaufen die traditionell gekleideten Handwerker in ihren Holzhütten. Ein buntes Sammelsurium, in dem man mit Sicherheit das eine oder andere Weihnachtsgeschenk findet – für sich selbst oder für jemand anderen. Schneider, Keramiker und ein Schmied sind fleißig dabei, ihre Produkte herzustellen und emsig unters Volk zu bringen. Auch Korbflechter und Hütemacher entdecke ich.

Die angebotene Ware verlockt zum Einkaufsbummel

Die angebotene Ware verlockt zum Einkaufsbummel

Zum Warmwerden - lecker süß oder herzhaft würzig - und wenn es Trinkgeld gibt, wird laut geläutet

Zum Warmwerden – lecker süß oder herzhaft würzig – und wenn es Trinkgeld gibt, wird laut geläutet

Schießbude mal anders - hier ist man selbst das Ziel, und die Munition ist leckerer Schnaps :-)

Schießbude mal anders – hier ist man selbst das Ziel, und die Munition ist leckerer Schnaps :-)

Das bunte Treiben in der stimmungsvollen Beleuchtung entschleunigt auch mich zunehmend. Ich bleibe hier und da an einem Stand stehen und schaue mir die Auslagen und Waren an. Auch an einem besonderen Stand verweile ich kurz. Hier geht es um Geschicklichkeit und Gleichgewicht. Eine Strickleiter ist oben an einer Holzwand an einem sich frei drehenden Haken befestigt und quer über ein Falltuch gespannt. Kinder und Erwachsene versuchen hier nach einander, die Sprossen der Leiter nach oben zu gelangen, um am Ende eine Glocke zu erreichen.  Einer nach dem anderen kapituliert ob der wackeligen Angelegenheit meist in der Mitte der Strickleiter. Das Gelächter ist groß.

Ein Versuch, die freihängende Strickleiter hinauf zu klettern für zwei Euro - man kann aber auch in Golddukaten bezahlen

Ein Versuch, die freihängende Strickleiter hinauf zu klettern für zwei Euro – man kann aber auch in Golddukaten bezahlen

Als ich mit meinem Rundgang fertig bin, entdecke ich noch etwas Gruseliges: Dort, wo der Markt an der Schlachtpforte beginnt, ist ein Galgen mit Schlinge aufgebaut. Ich verstehe das als Warnung, sich auch ja anständig zu verhalten – schließlich haben wir es hier mit Piraten zu tun. Und die haben ihre ganz eigenen Regeln. Mir schaudert’s leicht – das mag aber auch an der Kälte liegen. Vielleicht hätte ich mir doch einen der leckeren, heißen Trunks gönnen sollen, um mich aufzuwärmen. Na, das mach ich dann nächstes Mal. „Trinkt aus, Piraten, joho!“

Grausiger Gruß - bloß nicht den Piraten auf den nicht vorhandenen Schlips treten - sonst landet man am Ende noch hier

Grausiger Gruß – bloß nicht den Piraten auf den nicht vorhandenen Schlips treten – sonst landet man am Ende noch hier

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