Das Bremer Schulmuseum: Zwischen Rohrstock und Reformen

Kaum ist es geschrieben, geht es schon wieder um ein Neues. Das Schulzeugnis. In ihm machen sich das stundenlange Auswendiglernen chemischer Elemente, das verzweifelte Niederschreiben konsonantischer Deklinationen  oder das eifrige Melden in den Geschichtsstunden bezahlt, zumindest meistens. In Bremen gibt es wohl nur einen Ort, an dem man sich völlig sorgenfrei dem Schulunterricht widmen kann: Das Bremer Schulmuseum.

In den  Räumen der ehemaligen Volksschule „Auf der Hohwisch“ in Hastedt werden seit Beginn der achtziger Jahre unterschiedlichste Gegenstände, Möbel, Dokumente und andere Exponate zusammengetragen, um den Bremer Schulalltag vom 19. bis ins 21. Jahrhunder zu dokumentieren. Klingt öde? Von wegen! Hätten Sie gewusst, dass es schon 1926 Schultüten gab? Oder dass sich dort, unter dem damaligen Mädchenschulhof, der einzige erhaltene Erdbunker der Stadt verbirgt?

„Hände falten, Schnabel halten, Ohren spitzen, gerade sitzen.“

Ob es solche Rutschbremsen immer noch gibt?

Ob es solche Rutschbremsen immer noch gibt?

Als ich die vielen Treppenstufen nach oben in die Ausstellungsräume steige, fallen mir sofort die kleinen Erhebungen auf dem Geländer auf. Rutschbremsen nannte man die früher. Wie spaßfrei. Ob es sowas wohl heute noch gibt?

Der Blick durch den langen Flur mit seinen zahlreichen Exponaten.

Der Blick durch den langen Flur mit seinen zahlreichen Exponaten.

Im Museum riecht es, wie es in einem Museum riechen sollten: nach Staub, Holz, Papier und sehr viel Geschichte.

In drei großen Ausstellungsräumen erfahren die Besucherinnen und Besucher alles über das Bremer Schulwesen während der Kaiserzeit, in der reformpädagogischen Ära und in der Zeit des Nationalsozialismus. Schulgruppen können hier das vielfältige museumspädagogische Angebot nutzen und eine Zeitreise in längst vergangene Schulzeiten unternehmen: Wie wäre es mit Schmalzbrot und Muckefuck zum Frühstück? Und danach? Die Mädchen zeichnen Motive für die Handarbeit, die Jungen lernen für das Berufsleben? Ganz genau. So war das eben Anfang des 20. Jahrhunderts.

Einblicke in die Bremer Schulgeschichte - Vom Matrosenanzug bis zum Wehrsportunterricht

Einblicke in die Bremer Schulgeschichte – Vom Matrosenanzug bis zum Wehrsportunterricht

Kommt ohne Schnickschnack aus: Die Schulmode in der Zeit von Kaiser Wilhelm II.

Kommt ohne Schnickschnack aus: Die Schulmode in der Zeit von Kaiser Wilhelm II.

Schnell in das blaue Matrosenhemd geschlüpft und rein in die hinterste Bank. Schon kann es im historischen Klassenzimmer losgehen. Fehlt nur noch eine authentische Lehrperson, am besten mit Rohrstock und grantiger Miene, denke ich. Dann schaue ich mich ausgiebig im großen, hellblau-weiß gehaltenen Raum zur NS-Schulgeschichte um.

Die Erinnerungen von über 200 Bremer Zeitzeugen wurden hier zusammengetragen und vermitteln ein gruseliges Bild vom Schulalltag ab 1933: Der Hitlergruß eröffnete die Schulstunde, Wehrsport bestimmte den Sportunterricht und viele Kinder und Jugendliche verschwanden plötzlich aus den Bänken – sie passten nicht mehr ins rassenideologische oder politische Weltbild des Naziregimes.

Die Geschichte des Kolonialismus wurde anschaulich behandelt.

Die Geschichte des Kolonialismus wurde anschaulich behandelt.

 

Besonders interessant finde ich die Informationen zu den drei Bremer Versuchsschulen, die ab 1920 entstanden und die nicht nur im ganzen Land, sondern auch international Anerkennung fanden. Freiheitliches, demokratisches Denken, Koedukation sowie die Abkehr vom bisherigen Autoritätsdenken und dem starrem Lehrplan sollten die bisherige Pädagogik aufbrechen. Die Zäsur 1933 beendete diese reformpädagogischen Ansätze abrupt.

Über 3000 Wandbilder sind hier gesammelt

Im Schulmuseum wird alles aus der Perspektive der Kindheit heraus gezeigt und erklärt. Im Hörsaal können Schülerinnen und Schüler heute Experimente mit historischen Geräten erleben und in – teils aus heutiger Sicht skurillen – Wandbildern den Unterrichtsstoff erkennen, der auch heute noch in jeder Physik- oder Biologiestunde auf dem Lehrplan steht. Inzwischen gibt es sicherlich interaktive Blitzsimulatoren und andere virtuelle Methoden für den Anschauungsunterricht, vermute ich.

Ein Blick hinunter durch das altehrwürdige Treppenhaus.

Ein Blick hinunter durch das altehrwürdige Treppenhaus.

Auf dem Weg nach unten komme ich am Museumsladen vorbei. Hier gibt es neben Schiefertafeln, Springseilen und Murmeln natürlich auch Bonschen und den berühmten Bremer Babbeler, eine der süßen Verlockungen aus damaliger Zeit.

Hinab in die Kälte…

Zum Schluss steige ich noch in den Erdbunker hinab. Die Museumsdirektorin, Frauke Hellwig, schließt die Eingangstür auf und geht mit mir in die kargen, eiskalten Räume hinunter. 1996 wurden sie bei Bauarbeiten zufällig entdeckt, erzählt mir die Leiterin, und wie der Bunker Valentin als Erinnerungsort saniert. Zwei der fünf Bunkerröhren zeigen mit ihren Holzpritschen, Phosphor-Leitstreifen und Menschen aus Gips, wie es ausgesehen haben muss, als die Hastedter Schulkinder während der Luftangriffe hier ausharrten. Beklemmend und gewiss kein Ort für Klaustrophobiker.

Der Bunker unter dem Schulhof dient heute als Erinnerungsort.

Der Bunker unter dem Schulhof dient heute als Erinnerungsort.

Als ich wieder oben ankomme, empfängt mich eine beinahe warme Frühlingsluft. Ich schaue hinauf. Das große, unter Denkmalschutz stehende Jugendstil-Gebäude wirkt wirklich imposant. Am 16. März wird hier unter dem Titel „Hunger – Demokratie – Rock’n’Roll. Kindheit und Jugend 1945 bis 1960“ die neue Ausstellungsabteilung des Schulmuseums eröffnet. Ein guter Grund für einen weiteren Besuch!

Dieses Wandbild findet sich am östlichen Giebel: das Wandbild „Frère Jacques, dormez-vous?“ von Jub Mönster von 1987.

Dieses Wandbild findet sich am östlichen Giebel: das Wandbild „Frère Jacques, dormez-vous?“ von Jub Mönster von 1987.

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