Around we ride – Runde Sache bei den SixDays

Hat eigentlich irgendjemand mal behauptet, dass Essen, Party und Leistungssport nicht zusammen passen? Die SixDays in der ÖVB-Arena beweisen seit Jahrzehnten das Gegenteil. Ich hab mich ins Getümmel gewagt und so einiges über die Großveranstaltung erfahren.

Es ist Freitagabend und seit gestern laufen die 54. SixDays in Bremen. Ich treffe mich mit Pressereferentin Kerstin Keithan im Eingangsbereich. Über eine lange Rolltreppe im riesigen Glasfoyer der ÖVB-Arena gelangen wir in einen der oberen Gänge des großen Hallenkomplexes an der Bürgerweide. Das Einlass-Gewusel verklingt langsam hinter uns, auf halber Höhe fahren wir am VIP-Bereich vorbei. Die Tische sind bereits festlich gedeckt und es schallt klassische Musik aus den Lautsprechern.

Immer tiefer gelangen wir durch Gänge, Treppen und Türen ins Labyrinth rundum die Arena. Ich habe schon nach wenigen Metern die Orientierung verloren, aber Kerstin führt mich zielsicher in den Pressebereich. Sie öffnet eine Tür und ich finde mich auf einmal auf einem der obersten Ränge der Veranstaltungshalle wieder. Unter mir liegt das Holzoval der Radrennbahn. Gerade fahren sich ein paar Fahrer warm. Musik schallt durch die Sitzreihen, der Kommentator nennt immer wieder Namen der Radfahrenden und animiert das Publikum zu Applaus und Jubel.

Im Innenraum haben Zuschauer und VIPs einen ganz besonderen Blickwinkel. Auf der kleinen Bühne finden besondere Showacts statt.

Im Innenraum haben Zuschauer und VIPs einen ganz besonderen Blickwinkel. Auf der kleinen Bühne finden besondere Showacts statt.

Fotofinish: An einer Seite der Bahn finden sich die Jury- und Moderationskabinen. Hier wird ganz genau hingeschaut, wer das Rennen macht.

Fotofinish: An einer Seite der Bahn finden sich die Jury- und Moderationskabinen. Hier wird ganz genau hingeschaut, wer das Rennen macht.

Große Zahlen, großes Event

Kerstin verrät mir ein paar Zahlen zum Event: „Wir haben in diesem Jahr mit 204 Fahrerinnen und Fahrern einen neuen Rekord“, erzählt sie. „Insgesamt gibt es sieben Rennkategorien, die jeden Tag von 19 bis 1 Uhr nachts stattfinden.“ Im vergangenen Jahr seien 60000 Besucherinnen und Besucher verzeichnet worden, im Schnitt also 10000 pro Tag. Ähnliche Zahlen erwarte man auch 2018 wieder.

Früher Stadthalle, heute ÖVB-Arena: Hier finden jährlich im Januar die SixDays statt.

Früher Stadthalle, heute ÖVB-Arena: Hier finden jährlich im Januar die SixDays statt.

Wir machen uns wieder auf den Weg durch die Gänge, über Treppen und durch Tunnel, bis wir im Innern des Ovals wieder herauskommen. Hier sind wir der Bahn ganz nah und ich merke schnell: Das Rumpeln der Räder auf der Holzbahn, das Rauschen der vorbeischnellenden Fahrer, der Klang der goldenen Glocke, die manuell vom „Glöckner“ betätigt wird, wenn die letzte Runde beginnt – all das brennt sich direkt in mein Gedächtnis und wird dort ein für alle Mal mit den SixDays verbunden sein.

Ein wichtiges Element: Der Glockenton verkündet die letzte Runde.

Ein wichtiges Element: Der Glockenton verkündet die letzte Runde.

Ruhe vor dem Sturm im Fahrerlager

Kerstin führt mich gemeinsam mit Projektmanager Mario Roggow, den wir hier getroffen haben, ins Fahrerlager. Es befindet sich in der Westkurve unterhalb einer erhöhten Bar-Plattform für die VIPs. Der frisch gebaute Bretterverschlag aus dicken Kanthölzern und Latten dient den Fahrern als Rückzugs- und Ausruhstätte. Tatsächlich herrscht hier eine angenehm ruhige Atmosphäre, obwohl draußen der Trubel unaufhörlich weitergeht. Immer zwei Fahrer teilen sich die kleinen Kabinen, die mich an Schiffskojen erinnern. „Früher haben die Radfahrer hier tatsächlich während der gesamten sechs Tage gelebt“, erzählt Mario Roggow. „Heute dürfen sie natürlich zwischen den Rennen ins Hotel.“

Eine Kabine für zwei Mann - nicht gleichzeitig natürlich :)

Eine Kabine für zwei Mann – nicht gleichzeitig natürlich :)

Der Blick vom Fahrerlager auf die Steilkurve.

Der Blick vom Fahrerlager auf die Steilkurve.

Am Ende der schmalen Gänge türmt sich wie eine Wand die Westkurve auf. Ab und zu schnellt mal ein Radfahrer durchs Bild. Herr Roggow erzählt: „Unsere Bahn ist mit 166 Metern relativ kurz. Daher erreichen wir in den Kurven einen Neigungswinkel von 50 Grad.“ Das allein sei schon eine besonders reizvolle Herausforderung für die Fahrer. Hinzu käme auch noch der Umstand, dass man in die Westkurve gewissermaßen blind einführe, weil die Sicht durch das große Platteau oberhalb des Fahrerlagers versperrt sei. Zwölf LKWs bringen jährlich die Holzbahn aus sibirischer Fichte aus ihrem Zwischenlager zur ÖVB-Arena. Hier wird sie innerhalb von 36 bis 40 Stunden aufgebaut.

Räder, Sättel, Lenker, Reifen - Ersatzteile en masse in der Westkurve. Hier gibt es auch eine kleine Werkstatt (Mitte, rechts).

Räder, Sättel, Lenker, Reifen – Ersatzteile en masse in der Westkurve. Hier gibt es auch eine kleine Werkstatt (Mitte, rechts).

Unter Deck: In einem der Seitengänge trainieren Sportlerinnen für den großen Moment auf der Bahn. Auf den blauen Rollen fährt das Rad auf der Stelle.

Unter Deck: In einem der Seitengänge trainieren Sportlerinnen für den großen Moment auf der Bahn. Auf den blauen Rollen fährt das Rad auf der Stelle.

Halsbrecherisches Tempo

Die Kurve ist so steil, dass man von der Plattform aus den Fahrern auf den Helm gucken kann.

Die Kurve ist so steil, dass man von der Plattform aus den Fahrern auf den Helm gucken kann.

Das U19-Rennen hat gerade begonnen. Mir wird bei dem Tempo, mit dem die Radler jetzt draußen vorbeiheizen, zunehmend schwindelig. Der aktuelle Rundenrekord liegt übrigens bei unter neun Sekunden! Einen kurzen Blick riskier ich noch ins Ersatzteillager und die Reparaturstelle mit kleiner Werkbank außen an der Bahnbegrenzung. Dann geht es mit Kerstin Keithan auch schon weiter in Richtung Physio-Abteilung und Backstage-Bereich. Hier sind allerdings alle Türen zu. Die Radfahrer bereiten sich auf ihr Rennen um halb neun vor. Wir werfen nur einen kurzen Blick in die Kantine, wo es täglich zweimal ordentlich Essen mit viel Kohlenhydraten für die Fahrerinnen und Fahrer gibt.

Blindflug: In die Westkurve fahren die Sportlerinnen und Sportler ein, ohne sie einsehen zu können.

Blindflug: In die Westkurve fahren die Sportlerinnen und Sportler ein, ohne sie einsehen zu können.

Party nebenan

Erneut finde ich mich in einem Gang wieder, der aussieht wie alle anderen. Ich habe keine Ahnung, wo genau im Gebäude ich mich gerade befinde. Kerstin erzählt, dass sie über einen Schrittzähler schon mal herausgefunden hat, dass sie während der SixDays pro Tag etwa 15ooo Schritte läuft. Das ist ziemlich beeindruckend.

Man kann schon mal verloren gehen im Labyrinth der Treppen und Gänge.

Man kann schon mal verloren gehen im Labyrinth der Treppen und Gänge.

Wir passen uns dem Menschenstrom an und gehen langsam in Richtung der Messehallen, die an die ÖVB-Arena anschließen. In Halle 2 eröffnet sich uns eine große Essmeile im Hafenambiente. An den Wänden hängen großformatige Hafenbilder, Besucherinnen und Besucher können sich zum Essen in großen Containern einen Platz suchen und es gibt natürlich Fischbrötchen und allerlei andere maritime Leckereien. Von hier aus geht es noch in zwei weitere Hallen, wo die ganze Nacht lang getanzt und gefeiert werden kann. Eine vorfreudige Stimmung liegt in der Luft. Ich kann mir gut vorstellen, wie hier nachts die Post abgeht, während in der ÖVB-Arena Hochleistungssport betrieben wird.

Party? Kein Problem. In drei Hallen können Besucherinnen und Besucher Essen, Trinke und Tanzen. Dabei wird auf großen Bildschirmen das Geschehen auf der Bahn übertragen.

Party? Kein Problem. In drei Hallen können Besucherinnen und Besucher Essen, Trinke und Tanzen. Dabei wird auf großen Bildschirmen das Geschehen auf der Bahn übertragen.

Wer sein Rad liebt, der trägt

Kerstin verabschiedet sich nach dem Rundgang bald von mir. Schließlich muss sie im Pressezentrum im Laufe des Abends noch die eine oder andere Meldung fertig machen. Ich bummel noch ein wenig herum. Die Gänge füllen sich langsam mit Menschen, die Ränge und der Innenraum in der Arena auch. Mehrfach tragen Radfahrer ihre leichten Carbonrahmenräder auf der Schulter durch die partyfreudigen Massen. Auf anderen Veranstaltungen wäre das sicherlich ein skurriles Bild, hier aber wundert sich niemand darüber.

Seit 1965 findet das Radsportevent an der Bürgerweide statt.

Seit 1965 findet das Radsportevent an der Bürgerweide statt.

Die SixDays finden jedes Jahr Anfang/Mitte Januar statt. Tickets gibt es bei Nordwest-Ticket, und die nächstgelegenen Hotels in unserer Karte. Einfach in der Legende den Punkt Hotels auswählen, und schon werden sie angezeigt.

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