Das Tabakquartier – Ort der Visionen

In den 1930er Jahren stand in Woltmershausen die größte Tabakfabrik Europas. Heute wird das riesige Gelände an der Hermann-Ritter-Straße umgebaut und zu einem Arbeits-, Wohn- und Freizeitareal umgenutzt. Ich habe mich über die Baustelle führen lassen und konnte dabei sowohl einen Blick in die Vergangenheit als auch in die Zukunft werfen.

Eines wird mir beim Rundgang über das ehemalige Brinkmann-Gelände in Woltmershausen ziemlich schnell klar: Ich muss in ein, zwei Jahren noch einmal wiederkommen, um nachzuschauen, wie sich all die Visionen, an denen hier gerade gearbeitet wird, verwirklicht haben. Meine Begleitung Lena Schwantje aus der Marketingabteilung der Baufirma Justus Grosse kommt richtig ins Schwärmen, wenn sie beschreibt, wie es hier einmal alles aussehen wird. Sie sieht die Mitarbeiter*innen der ansässigen Unternehmen mittags schon an den Tischen der zukünftigen Gastronomien im großen Innenhof des Gebäudekomplexes sitzen. Ein bunter Mix aus Kreativarbeitenden, Kulturellen und Anwohnenden soll hier auf dem riesigen Gelände irgendwann unterwegs sein.

Blick in historische Zeiten: Die Lagerhallen sowie die u-förmig angelegten Hauptgebäude und das Heizwerk bleiben bestehen.

Blick in historische Zeiten: Die Lagerhallen sowie die u-förmig angelegten Hauptgebäude und das Heizwerk bleiben bestehen. Fotos: Peter Strotmann und Staatsarchiv Bremen (unten links)

Aber noch ist es nicht so weit. Noch wird dort, wo demnächst zum Beispiel ein Hotel mit 100 Betten entstehen soll, erst einmal das alte Gebäude abgerissen. Noch stehen überall Bagger und andere schwere Arbeitsfahrzeuge, Werkstoffe warten darauf, verbaut zu werden, kleine Handwerkertrupps ziehen über das Gelände.

Aus alt mach neu

Bei all dem, was hier baulich seit einem guten Jahr geschieht, ist doch immer noch auch Altes zu erkennen. Das ist auch Konzept des Bauprojekts. Der L-förmige Gebäudekomplex, der das Areal an zwei Seiten umrahmt, steht unter Denkmalschutz und wurde auch deswegen äußerlich in seinem Erscheinungsbild erhalten. Im Innern ist der Ausbau zu modernen Gewerbeflächen schon recht fortgeschritten. In den großzügigen Bürolofts sind sogar schon einige Unternehmen ansässig. Einzelne Elemente wie Fabrik-Lampen, alte Ventilatoren oder Stützpfeiler erinnern noch an den einstigen Zweck des Gebäudes und erhalten den industriellen Charme. In den jetzt modern gestalteten Räumen sehe ich vor meinem inneren Auge Laufbänder, auf denen unzählige Zigaretten produziert wurden. Sicher roch es hier überall nach dem rauchbaren Kraut. Marken wie „Lloyd“ und „Schwarzer Krauser“ kamen aus diesem Haus.

Die Vision: Alles begrünt, wenig Verkehr (dank geplanter Parkhäuser), ein Hotel, Gastronomien - so soll es irgendwann aussehen, das Tabakquartier.

Die Vision: Alles begrünt, wenig Verkehr (dank geplanter Parkhäuser), ein Hotel, Gastronomien – so soll es irgendwann aussehen, das Tabakquartier.

Musterlofts sowie ein großes Modell des Geländes zeigen, wie es zukünftig werden soll. Unten rechts ist auf einem der geplanten Parkäuser zu erkennen, dass dort auch kleine Gewächshäuser angelegt werden sollen.

Musterlofts sowie ein großes Modell des Geländes zeigen, wie es zukünftig werden soll. Unten rechts ist auf einem der geplanten Parkäuser zu erkennen, dass dort auch kleine Gewächshäuser angelegt werden sollen.

Herzstück im Innern

Wir gelangen auf unserem Rundgang zum Herzstück der Anlage: dem Heizwerk. Es steht im Innenbereich des Areals. Obwohl auch hier noch viel gebaut wird, lässt sich der zentrale Kesselraum bereits für Events anmieten. Weihnachtsfeiern oder anderen Anlässen bietet er genug Platz und eine Atmosphäre mit Industriecharme. In einem kleineren Seitenraum hängt sogar eine Diskokugel. Schon der Eingangsbereich beeindruckt mich mit den alten Kesselanlagen, die hier erhalten wurden. Ein neu eingebauter Fahrstuhl sorgt zukünftig für die Barrierefreiheit.
Beim Betrachten der alten Anlagen lässt sich erahnen, wie es hier einst gewummert und gezischt hat.

Im Heizwerk können jetzt schon Events für mehrere Hundert Leute ausgerichtet werden.

Im Heizwerk können jetzt schon Events für mehrere Hundert Leute ausgerichtet werden.

Die Räumlichkeiten im alten Heizwerk strömen eine ordentliche Portion industrielle Atmosphäre und Geschichte aus.

Die Räumlichkeiten im alten Heizwerk strömen eine ordentliche Portion industrielle Atmosphäre und Geschichte aus.

Am Ende des Heizwerkgebäudes kann ich von außen einen auffälligen runden Anbau ausmachen. Wir gehen um das Gebäude herum und stehen kurz darauf im Innern, wo sich der sogenannte Flokkulator befindet. Der riesige Betonzylinder mit trichterförmigem Innenleben und „Rühranlage“ diente einst zur Aufbereitung des Produktionswassers für die Fabrik. Auch die großen, türkisen Kessel waren für die Filtration zuständig. Auch hier höre ich es förmlich noch rauschen und zischen. Sicher kein sehr angenehmer Arbeitsplatz. Zukünftig soll hier eine Gastronomie einziehen.

Markanter Bau: Von außen fällt der Flokkulator bereits durch seine runde Form auf.

Markanter Bau: Von außen fällt der Flokkulator bereits durch seine runde Form auf.

Neues Wort gelernt: Der Flokkulator (oben rechts) trug einen wichtigen Teil zu Wasserreinigung bei.

Neues Wort gelernt: Der Flokkulator (oben rechts) trug einen wichtigen Teil zu Wasserreinigung bei.

Wer neugierig ist, kommt gucken

Frau Schwantje und ich ziehen weiter über das Gelände. Hinter den Gebäudeanlagen aus den 1930er Jahren entstanden später lang gezogene Schuppen zum Lagern und Verpacken der Waren. Einer von ihnen, der mit der Nummer 1, bleibt erhalten. Hier wird in einer Hälfte Ende 2021 ein neues Theater entstehen. Das Boulevardtheater Weyhe eröffnet dann einen Bremer Ableger. In der anderen Hälfte erhält die Bremer Philharmoniker eine weitere Wirkungsstätte mit Proberäumen.

Die Nummer 1 bleibt stehen. In dem lang gezogenen Gebäude kommen Theater und Bremer Philharmonie unter.

Die Nummer 1 bleibt stehen. In dem lang gezogenen Gebäude kommen Theater und Bremer Philharmoniker unter.

Hier entsteht bis Ende 2021 ein Theater.

Hier entsteht bis Ende 2021 ein Theater.

Wir lassen die flachen Gebäude linker Hand liegen. Während wir uns zum südwestlichen Zipfel des insgesamt 200000 Quadratmeter großen Geländes bewegen, beschreibt meine Begleiterin, was sich in näherer Zukunft hier noch alles tun wird. Die Vision sieht Wohngebäude für sämtliche Bedürfnisse vor. Von Miet- bis Eigentumswohnung für verschiedene Geldbeutelgrößen soll hier alles im Angebot sein. Zwischen den Wohneinheiten wird viel Grün entstehen, ein Parcours zum Spazieren und Joggen eingeschlossen.

Ich finde es etwas schade, dass die anderen, noch vollkommen intakten Lagerhallen in absehbarer Zeit abgerissen werden. Sie bieten sicherlich auch so schon gute Unterbringungsmöglichkeiten. Doch für den geplanten Wohnraum müssen sie weichen.

Speichergebäude mit viel Raum für Neues

Nach längerer Strecke gelangen wir schließlich zu den drei großen, markanten Speichern, die am südlichen Rand des Areals stehen. Auch sie werden umgebaut zu Wohn- bzw. Arbeitsraum. Der hintere ist bereits entkernt und birgt ein Musterloft zur Veranschaulichung. Durch ein Treppenhaus gelangen wir erst auf die Etage mit besagtem Loft, dann steigen wir noch höher hinauf und ich finde mich schließlich auf dem Dach des riesigen Speichers wieder, in dem einst Tabak lagerte. Ein toller Rundumblick über Bremen ist der Lohn für den Aufstieg.

Alte Fluchten: Der Charakter der drei großen Speicher am südlichen Rand des Geländes bleibt bestehen.

Alte Fluchten: Der Charakter der drei großen Speicher am südlichen Rand des Geländes bleibt bestehen.

Blick von oben: Vom Dach der Speicher lässt sich über ganz Bremen schauen.

Blick von oben: Vom Dach der Speicher lässt sich über ganz Bremen schauen.

Nachdem ich mich von Frau Schwantje verabschiedet habe, laufe ich zurück zur Hermann-Ritter-Straße, wo ich vor dem Haupteingang der alten Tabakfabrik mein Fahrrad geparkt habe. Ich mag die alte Backsteinbauweise und den industriellen Charme, der auf dem Gelände herrscht. Langsam dämmert es und hier und da erstrahlt blaues Licht, das die alten Gemäuer in Szene setzt. Auch der markante Backsteinschornstein wird erleuchtet.

In meinem Kopf schwirren sowohl Bilder aus der Zukunft als auch aus vergangenen Zeiten umher. Ich hoffe, dass der industrielle Charme und auch ein gutes Stück Geschichte noch erkennbar sind, wenn ich das nächste Mal wieder hier bin, um zu schauen, wie sich all die Visionen entwickelt haben.

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