Tunnelblick: Da guckst du durch die Röhre

Bis vor kurzem dachte ich, dass Tunnel immer nur schlicht Unterführungen und  Abkürzungen sind. Jetzt habe ich aber gelernt, dass sie mehr sein können. Ich habe mir in Bremen den Friedenstunnel und den Kunsttunnel etwas genauer angeschaut und wurde überrascht. Einfach mal stehen bleiben, um einen Einblick zu bekommen und die Eindrücke auf sich wirken lassen. Kommt mit mir auf meine kleine Tunnel-Tour.

Starten werde ich am Friedenstunnel in der Parkallee in der Bremer Innenstadt. Dieser Tunnel wurde von 2008 bis 2015 komplett restauriert und fertiggestellt. Das neue Design war eine Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001. Die Bremer Künstlerin Regina Heygster hatte die Idee, die Unterführung als wegweisendes Zeichen der verschiedenen Religionsgemeinschaften für ein gemeinschaftliches Friedensbekenntnis zu gestalten und stellte diese 2003 das erste Mal vor. Sie soll als Vorbild für ein offeneres Weltbild dastehen.

Friedenstunnel bei Nacht – Foto: Stefan Damman / Friedenstunnel e. V.

Bestückt ist der Tunnel mit Symbolen und Schriftzügen des Friedens aus unterschiedlichen Religionen und Glaubensgemeinschaften wie zum Beispiel dem Zitat des Dalai Lama: „Wir müssen uns als Mitglieder derselben menschlichen Familie auf diesem kleinen Planeten begreifen. Wenn wir in der Lage sind, dies aufrichtig und weltweit zu tun, dann gibt es Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden auf Erden“.

Zitate im Friedenstunnel

Außerdem ist im ganzen Tunnel das Wort Frieden in 135 verschiedenen Sprachen als ein Text-Zug aus Mosaik gelegt. Der 1910 erbaute Tunnel ist somit auch ein echter Hingucker geworden. Mit einer schönen bunten Beleuchtung und den liebevoll gestalteten Mosaiken an den Frontseiten ist er  viel mehr als eine ganz normale Unterführung. Wenn es dunkel ist, lohnt es sich besonders, durch die Unterführung zu laufen, denn dann tauchen die Leuchten den ganzen Tunnel in ein buntes Farbenmeer.

Die Zitate im Friedenstunnel bei blauer Beleuchtung - Foto: Regina Heygster / Friedenstunnel e.V. Bremen

Die Zitate im Friedenstunnel bei blauer Beleuchtung – Foto: Regina Heygster / Friedenstunnel e.V.

Ungewöhnlich, dass man in einem Tunnel auch gerne mal stehenbleibt, um sich diesen etwas genauer anzuschauen. In den letzten Jahren fanden hier sogar einige Lesungen oder Konzerte statt, wozu der Tunnel dann auch komplett für den Verkehr abgesperrt wurde. Für Schulklassen ist es auch schon ein Ziel geworden, den Friedenstunnel einmal genauer anzuschauen.

Vom Frieden zur Kunst

Nach dem Friedenstunnel führt mich mein Weg jetzt in den Kunsttunnel, der an der Weser auf Höhe der Kunsthalle liegt. Er führt von der Weserpromenade in die Wallanlagen. Dieses Kunstwerk ist erst im August 2017 fertig geworden.

Durch den Eingang in diesen Tunnel soll der Betrachter in das sogenannte „Rabbit Hole“ gehen. Der Begriff stammt aus der Geschichte „Alice im Wunderland“, in der ein Tunnel in eine magische Welt führt. Viele Begebenheiten und Geschichten sind an den Wänden zu finden und laden ein, einfach mal stehen zu bleiben und sich ein paar Minuten den Tunnel anzuschauen, um dem Alltagsstress zu entkommen.

Eingang in das "Rabbit Hole" - Foto: Johann Büsen

Eingang in das „Rabbit Hole“ – Foto: Johann Büsen

Die Motive an den Wänden wurden mit 200 Papierbahnen auf die Steinmauern geklebt. Sie wirken wie gesprayt, sind aber eine Tapete, die dem Spray-Stil in gewisser Weise ähnelt. Der Künstler Johann Büsen gewann den im Oktober 2016 ausgeschriebenen Wettbewerb für die Neugestaltung des Kunsttunnels in Bremen und schloss das Projekt im diesen August ab.

Vor einem halben Jahr noch eine langweilige, graue Unterführung und jetzt ein Tunnel, in dem Geschichten gefunden und erlebt werden können. Mich hat der Anblick überrascht, da ich dachte, dass ein Tunnel nicht so bunt sein kann, dass ich sogar gerne länger bleibe, um mir die verschiedenen Motive genauer anzugucken.

Impressionen aus dem Kunsttunnel - Fotos: Johann Büsen

Impressionen aus dem Kunsttunnel – Fotos: Johann Büsen

Wer noch mehr Lust auf Spraykunst hat, sollte übrigens mal in der Findorffstraße vorbeischauen, hier sind mehrere Unterführungen von Künstlern besprüht worden und sorgen für ein abwechslungsreiches Bild in der Straße.

Spraykunst in der Findorffstraße

Wenn ihr selbst noch nicht überzeugt seid, dass ein Tunnel mehr sein kann, als eine Abkürzung oder nur ein Mittel zum Zweck, dann schaut sie euch doch einfach mal selbst an und besucht die beiden mit viel Aufwand und liebevoll gestalteten Unterführungen in Bremen. Ihr werdet überrascht sein, was sie zu bieten haben.

Dies ist ein Gastbeitrag von Maximilian von Lührte.

Ein Kommentar zu “Tunnelblick: Da guckst du durch die Röhre

  1. Rogge says:

    Friedensklänge im Friedenstunnel: Von Mitte April bis Ende September treten jeden Sonntag, um 12 Uhr Künstler, -Gruppen und Chöre aus vielen Nationen im Friedenstunnel auf. Die Geräusche des durchfließenden Verkehrs sind dabei das Kontrastprogramm und stören weder Besucher noch die Künstler. Am Sonntag, den 27.5.2018 findet ausnahmsweise kein Konzert statt, stattdessen gibt es einen evangelischen Gottesdienst mit Beteiligung der am Friedenstunnelprojekt beteiligten Religionsgemeinschaften. Beginn: 11 Uhr

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