Ausflug in die Bremer Unterwelt

Auf meinem täglichen Arbeitsweg radle ich an unzähligen Bunkern und unterirdischen Räumen vorbei. Von einigen weiß ich, die meisten bemerke ich aber nicht einmal. Und eins haben alle gemein: Ich darf sie nicht betreten. Vor Kurzem hat sich das geändert, ich kenne nun einige der Orte entlang meiner Strecke, und ich kann sagen: Es war eine wirklich spannende Erfahrung.

Um unsere Gäste umfassend beraten zu können ist es wichtig, die Produkte zu kennen. Ob es neue Hotels sind oder Führungen – einige MitarbeiterInnen der Eigentouristik und der Tourist-Informationen schauen sich immer wieder Angebote an und berichten im Team davon. In diesem Rahmen habe ich bei einer verkürzten Führung zu den Bremer Unterwelten, die von StattReisen Bremen angeboten wird, teilgenommen. Die reguläre Führung dauert gut zwei Stunden – ordentliches Schuhwerk, ausreichend warme Kleidung und ein Mindestmaß an Ausdauer sind zu empfehlen.

Der Elefant! Das Antikolonialdenkmal in Bremen.

Der Elefant! Das Antikolonialdenkmal in Bremen.

Das Erbe der Kolonialzeit – ein Elefant als Mahnmal

Also heißt es Boots anziehen, Stativ schultern – und los geht’s. Wir starten am Backstein-Elefanten im Nelson-Mandela-Park, direkt hinter dem Bahnhof. Ein Elefant in Bremen? „Ist das ein Eingang zum Zoo?“ wurde Andreas, unser Guide, mal gefragt. Ein Zoo wäre schön, denn die Geschichte ist weniger ruhmreich. Es geht um die Kolonialgeschichte. Da gab es zum Beispiel den Tabak-Kaufmann Lüderitz, der sich gemeinsam mit dem Kaufmann Vogelsang überlegte im bislang unbesetzten Gebiet in Südwestafrika eine Kolonie zu gründen. Mit einer List eigneten sie sich riesige Ländereien an, noch heute sind nach dem Bremer Lüderitz eine Bucht und eine Stadt im heutigen Namibia benannt. Das Denkmal wurde als Reichskolonialehrendenkmal 1931 errichtet. 1989 wurde es zum Antikolonialdenkmal umgewidmet. Seit 2009 gibt es zu Füßen des Elefanten einen Erinnerungsort für die Opfer der Nama und Ovaherero während des Kolonialkriegs in Namibia, mit Steinen aus der namibischen Wüste.

Veranstaltungsraum im Antikolonialdenkmal.

Veranstaltungsraum im Antikolonialdenkmal.

Es geht hier ja aber um die Unterwelt, und die liegt direkt unter dem Elefanten. Andreas hat den Raum nur mit wenigen Kerzen erleuchtet, die Stimmung ist einzigartig. Dieser Raum wurde schon damals und später in der Nazizeit für Veranstaltungen genutzt. Und das kann er heute wieder. Der Verein „Der Elefant!“ kümmert sich um die Räumlichkeiten und möchte beitragen zu „Vielfalt, Toleranz und Kreativität durch Bildung, Kunst und Kultur“. Man trifft sich also wieder – unter dem Elefanten.

Garagenbunker am Bremer Hauptbahnhof.

Garagenbunker am Bremer Hauptbahnhof.

Garagenbunker für Kriegszeiten und Obdachlose

Eine weitere Station ist ein Bunker der für 900 Personen konzipiert war. Wer ihn besucht merkt, wie unvorstellbar dies ist. Der Zugang ist gleich eine Zufahrt, es mussten hier auch Fahrzeuge hinein. Zwei weitere Ein- bzw. Ausgänge gibt es, die durch Schleusen – also getrennt mit zwei Türen, die nie gleichzeitig geöffnet sein durften – vom Inneren getrennt sind.

Bunker-Ausgang am Hauptbahnhof. Auf dem Bild oben stehe ich direkt unter der Platte.

Bunker-Ausgang am Hauptbahnhof. Auf dem Bild oben stehe ich direkt unter der Platte.

Ein Zugang ist auf dem Bahnhofsvorplatz zu sehen. Besonders aufgehorcht habe ich, als Andreas erzählte was wir nicht machen dürfen – nämlich die roten Knöpfe drücken. Dann würde die Platte auf dem Platz sich ohne Vorwarnung senken, samt Passanten. Das haben wir lieber nicht ausprobiert, aber selbst wenn: Die Technik wird wahrscheinlich nicht mehr funktionieren. Oder doch!? Das Thema lässt mich nicht los, die Neugier ist geweckt. Einige Mädels hat dagegen der Gedanke an Riesenspinnen nicht losgelassen, die dort gesichtet wurden. Mutationen? Schnell weg hier. Und dann wurde es zappenduster. Um die Leuchtfarbe zu sehen, mit der die Ausgänge gekennzeichnet wurden. Andreas war so nett und hat an alle, die Bammel haben in der Dunkelheit, Taschenlampen verteilt.

Andreas führt uns durch den Garagenbunker und erzählt spannende Geschichten.

Andreas führt uns durch den Garagenbunker und erzählt spannende Geschichten.

In den 1980er-Jahren wurde der Bunker nachgerüstet gegen ABC-Angriffe. 12 Stunden hätte man dort verbringen können. Der Filter aus Quarzsand, die Bleisperre und im Zweifel die zuletzt zugemauerte Öffnung sollten die Radioaktivität abhalten. Fragt sich, was nach 12 Stunden draußen so los ist. Dass nur 3 Promille der Deutschen Platz gehabt hätten in solchen Bunkern, deren Wirkung fragwürdig erscheint zeigt, dass man gegen die Gefahren und Schrecken des Krieges eigentlich machtlos ist.

ABC-Schutzsystem - ob es hilft!?

ABC-Schutzsystem – ob es hilft!?

Fast ebenso erschreckend ist für mich aber gewesen, dass der Bunker in der Nachkriegszeit 25 Jahre lang als Massenwohnheim für wohnungslose Männer genutzt wurde. Dann wurde das sogenannte Papageienhaus gebaut. In Spitzenzeiten wurden 190 „Asoziale“ dort untergebracht. Ich erinnere mich an ein spartanisches dreckiges beklemmendes Hotelzimmer ohne Fenster weit weg im Ausland (es war eben billig), in dem ich panisch von angriffslustigen Insekten geträumt habe. Wovon die Männer wohl träumten?

Die versteckte Unterpflasterstraße.

Die versteckte Unterpflasterstraße.

Unterpflasterstraße – Unterwelt für die Unterwelt

In Richtung Wallanlagen, direkt bei der Diskomeile, erfahren wir von der weitgehend unbekannten Unterpflasterstraße. Und wir dachten, wir kennen die Stadt gut, aber davon haben wir noch nicht gehört. Sie sieht aus wie ein Parkhaus, ist aber nur für Anlieferungen gedacht. Zugänge gibt es also viele, beispielsweise bei der Diskothek Tower. Und wer weiß davon? Natürlich einige Ganoven, die über diese unterirdische Straße flüchten.

An einem der Erdbunker in den Bremer Wallanlagen. Andreas hat viele Fotos dabei.

An einem der Erdbunker in den Bremer Wallanlagen. Andreas hat viele Fotos dabei.

Erdbunker in Bremens grünem Band

Die letzte Station befindet sich für uns in den Wallanlagen, den ehemaligen Verteidigungsanlagen der Stadt. Sie waren aber schon ein öffentlicher Park als die Erdbunker als Verkehrsbunker gebaut wurden. Diese schützen nicht vor Bomben, sind nur für den Splitterschutz konzipiert. Acht dieser Bunker gibt es alleine in den Wallanlagen, etwa 285 in der gesamten Stadt. Die Zugänge nimmt man kaum wahr. In dem Bunker, vor dessen Eingang wir stehen, gibt es 17 Räume für je 20 Personen. Andreas zeigt uns dazu Fotos, denn hinein können wir nicht. Die beklemmende Enge, Feuchtigkeit und Kälte dort unten muss schlimm gewesen sein. Dazu die Angst.

Wer solch einen Erdbunker besichtigen möchte kann sich ans Schulmuseum wenden. Dort ist das möglich.

Bremen ist bunt! Wir lieben Vielfalt!

In Zeiten der Zuwanderung und weltweiten Krisen ist es vielen Bremern wichtig Flagge zu zeigen für ein friedliches Zusammenleben aller Kulturen. Das Bündnis steht für eine demokratische und weltoffene Gesellschaft. Dass sich jeder für ein buntes Bremen – und für eine bunte Welt – stark machen sollte ist auch ohne einen Ausflug in die Unterwelt klar. Jedenfalls für mich. Die Eindrücke unterstreichen aber noch einmal anhand der Beispiele aus unserer Geschichte wie wichtig es ist, dass sich alle mal mächtig entspannen und andere sein lassen wie sie sind.

Die Führung wird übrigens – mit immer etwas unterschiedlichen Stationen – an regelmäßigen Terminen und für Gruppen angeboten. Die Führung startet am Elefanten.

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