Auf der Suche nach dem verlorenen Schatz

Varieté! Da beginnen vor meinem inneren Auge bunt gekleidete Bühnenkünstler Bälle zu jonglieren, edel betuchte Damen schwenken mit ihren Zigarettenspitzen, Qualm liegt in der Luft, Schunkelmusik und Gesang auch. Auf der Bühne geschehen allerlei das Publikum erstaunende und unterhaltende Aktivitäten. Akrobaten fliegen durch die Lüfte, Turner beweisen ihre Kräfte und Bewegungsfähigkeit. Mitten in Bremen gab es einmal eines der renommiertesten Varietés der Welt. Ich mache mich auf die Suche nach einem fast vergessenen Schatz.

Weltbekannt war es, international angesehen, 60 Jahre lang fester Bestandteil der Bremer Nachtszene: Das Astoria. 1908 übernahm der im badischen Bühl geborene Emil Fritz ein Restaurant in der Katharinenstraße, mitten in der Innenstadt, und machte daraus ein Varieté. Zunächst stieß er damit bei den Bremerinnen und Bremern auf Skepsis. Doch schnell erkannte man, dass Emil Fritz keines Falls Anrüchiges im Schilde führte. Das Ziel des damals 31-Jährigen war es, ein Varieté mit Qualität und Seriosität zu schaffen. „Als Geschäftsmann balancierte Emil Fritz auf dem schmalen Grat zwischen bürgerlicher Existenz und Bohème“, heißt es im 2008 erschienenen Buch „Unser Astoria“, herausgegeben von der Journalistin Monika Felsing.

Erfahrung aus Übersee

Fritz hatte zuvor ein Café in der Hafenstraße nahe des heutigen Europahafens betrieben. Er war um 1900 nach einem Aufenthalt in den USA und seiner Arbeit als Seemann in Bremen gestrandet. Hier übernahm er schließlich das Theaterhaus in der Innenstadt und erweiterte es bis Ende der 1920er Jahre um mehrere Gesellschaftsräume und einen Saal. Ich stelle mir dunkle Holzfarben, edle Stoffe und schwere Teppiche vor. Ich stelle mir vor, wie es wohl war, in den Goldenen Zwanzigern als Teil der bürgerlichen Gesellschaft einen Abend im Astoria zu verbringen. Man drang ein in eine Parallelwelt, wurde verschluckt von unterhaltsamen Bühnenprogrammen, wandelte durch verschiedene Räume wie über einen Jahrmarkt – natürlich war das Astoria auch auf dem Freimarkt zugegen. Das Publikum entfloh der Realität zwischen zwei Weltkriegen. Das, was man viel später erst Erlebnisgastronomie nannte, wurde hier in Perfektion betrieben. Alles diente wohl dem Eskapismus, der gezielten Flucht aus dem Alltag.

Ob vor oder nach dem Krieg (hier 1952 nach Wiedereröffnung) - das Astoria beeindruckte allein schon mit seiner Innenausstattung. (Fotograf: Karl-Heinz Suchefort, Quelle: Staatsarchiv Bremen)

Ob vor oder nach dem Krieg (hier 1952 nach Wiedereröffnung) – das Astoria beeindruckte allein schon mit seiner Innenausstattung. (Fotograf: Karl-Heinz Suchefort, Quelle: Staatsarchiv Bremen, ebenfalls für Titelbild s.o.)

Auf den Spuren

Ich fahre zur Katharinenstraße, um mir den Ort des damaligen Geschehens anzuschauen. Dort, wo einst die Nacht zum Tage wurde, ist heute eher tagsüber emsiges Leben auszumachen. Geschäftsleute und Einkaufsbummler passieren die schmale Gasse zwischen Schüsselkorb und Unser Lieben Frauen-Kirchhof. Gerade steht die Sonne direkt über der Straßenschlucht und taucht sie in gleißendes Licht. Die meiste Zeit des Tages wird die Fußgängerstraße aufgrund der hohen Häuserfassaden aber im Schatten liegen. Ich mache mich auf die Suche nach der Hausnummer 33. Linkerhand finde ich nur einstellige Zahlen, aber rechts weist mir die Nummer 32 den Weg. Allerdings steht schon über dem nächsten Hauseingang die 35. Ich bin verwirrt. Drehe mich ein paar Mal im Kreis und mache trotzdem Fotos – von einem Haus, das es nicht mehr gibt.

Später erfahre ich, dass die Hausnummern mit denen von früher heute offensichtlich nicht mehr übereinstimmen. Denn der Eingang zum Astoria lag ziemlich genau an der Ecke der Katharinenstraße und der heutigen Katharinenpassage. Das erklärt mir Michael Fritz, der Enkel des Astoria-Gründers. Er sorgt seit Jahren dafür, dass all das Wissen um die goldenen Varieté-Zeiten Bremens nicht in Vergessenheit gerät, sammelt Zeitdokumente, Fotos und Gegenstände. Seit geraumer Zeit setzt er sich auch für die Installation einer Gedenktafel eben an jener Ecke in der Innenstadt ein.

Michael Fritz - Enkel des Astoria-Gründers - mit einer alten Pagen-Jacke von 1927, die er restaurieren ließ.

Michael Fritz – Enkel des Astoria-Gründers – mit einer alten Pagen-Jacke von 1927, die er restaurieren ließ.

Große Namen umschwirren das Astoria

Der Name „Astoria“ ist übrigens eine Anspielung auf das New Yorker Luxushotel Waldorf-Astoria, dessen Inhaber wie Emil Fritz aus Baden, nämlich aus Walldorf, stammte. Ebenso wie in dem Hotel in der US-Metropole stiegen auch im Astoria in Bremen eine ganze Menge Stars mit großen Namen ab: Claire Waldoffs Stimme klang ebenso durch die Räumlichkeiten wie die von Otto Reutter. Auch Heinrich George (der Vater von Schauspieler Götz George) war oft zu Gast und mit Emil Fritz eng befreundet. Die Schauspieler und Kabarettisten Emil Jannings, Otto Gebühr, Theo Lingen, Hans Moser, Lotte Werkmeister und Carl Raddatz dürften zumindest älteren Generationen noch ein Begriff sein.

Nach rechts hinten im Bild geht es zur Sögestraße, links kann man den Unser-lieben-Frauen-Kirchturm erkennen. Heute ist von dem Gebäude von 1968 nichts mehr übrig. (Fotograf: Karl-Heinz Suchefort, Quelle: Staatsarchiv Bremen)

Nach rechts hinten im Bild geht es zur Sögestraße, links kann man den Unser-lieben-Frauen-Kirchturm erkennen. Heute ist von dem Gebäude von 1968 nichts mehr übrig. (Fotograf: Karl-Heinz Suchefort, Quelle: Staatsarchiv Bremen)

Ausgelöscht und wieder aufgebaut

1944 wurde das Haus bei einem Bombenangriff komplett zerstört. Doch Emil Fritz ließ sich nicht entmutigen. Nach nur sechs Jahren eröffnete er das Astoria wieder und betrieb es noch bis zu seinem Tod 1954. Anschließend übernahm sein Sohn Wolfgang gemeinsam mit der Stiefmutter Elisabeth die Leitung. Wolfgang Fritz stieg nach fünf Jahren aus und überließ die Geschäftsführung unter anderen zwischenzeitlich auch Lothar Gräbs, dessen Name gleich nochmal eine Rolle spielen wird. Am Neujahrsmorgen 1968 schlossen sich ein letztes Mal die Türen des Astorias. Rückläufige Besucherzahlen hatten es in die Knie gezwungen. „Ein Stück Bremen ist nicht mehr, ein Vorhang fiel für immer“, schrieb die Journalistin Lilo Weinsheimer am 12. Januar 1968 im Weser-Kurier.

Es war über Jahrzehnte Anlaufpunkt

Trotz des Varieté-Sterbens der 60er Jahre weist die Liste der Künstler im Astoria auch nach dem Wiederaufbau einige Größen auf: Zarah Leander, Heinz Erhardt sowie der junge Udo Jürgens oder Siegfried und Roy traten auf den Bühnen des Hauses auf. Und trotzdem geriet es nach seiner Schließung fast in Vergessenheit. Heute zeugen nur noch die Papierdokumente, die Michael Fritz so akribisch wieder zusammen gesammelt hat, von der einstigen Existenz des weltbekannten Varietés – und vielleicht ja demnächst dann auch die Gedenktafel am ehemaligen Standort des Theaterhauses.

An dieser Ecke war einst der Haupteingang des Astoria - heute gibt es keinerlei Hinweis mehr darauf. Die bereits installierte Tafel erinnert an noch ältere Zeiten, als in diesem Areal ein Kloster existierte.

An dieser Ecke war einst der Haupteingang des Astoria – heute gibt es keinerlei Hinweis mehr darauf. Die bereits installierte Tafel erinnert an noch ältere Zeiten, als in diesem Areal ein Kloster existierte.

Das Erbe des Astoria

Ganz vergessen worden ist es zum Glück aber nie – das alte Astoria. Die Varieté-Kunst blieb der Hansestadt auf verschiedene Weise erhalten. Im Schnoor-Viertel hat es lange das Theater Madame Lothár gegeben. Dieses wurde von niemand geringerem als Lothar Gräbs geführt, der – wie oben schon erwähnt – auch direkt mit dem Astoria verbunden war. Eine Hommage stellt außerdem der Name des seit 2010 am Herdentorsteinweg bestehenden Fritz-Theaters dar. 2013 eröffnete die Unternehmerfamilie Grote, mit der Familie Fritz befreundet ist, sein deutschlandweit sechstes GOP-Varieté am Tor zur Überseestadt. In diesen Sälen und auf ihren Bühnen lebt hoffentlich auch ein Teil des Glamours weiter, den einst Emil Fritz so beharrlich nach Bremen brachte.

Weiteres Wissenswertes zur Geschichte des Astoria findet sich auch hier.

2 Anmerkungen zu “Auf der Suche nach dem verlorenen Schatz

  1. Margaret allen says:

    I’m interested to hear if the Astoria played some role in the rehabilitation of prisoners of war after ww2 . My father who has passed away had a booklet which showed ex prisoners who were being rehabilitated . My father was a singer . My mother told me it was a part of rehabilitation . The booklet had the words “Astoria”and Pictures of musicians etc.
    my father married my mother, a Lical Bremen Woman. They immigrated to Australia in 1950. If you know about this at all would you be so kind as to reply . Thank you Margaret Allen

  2. Dear Margaret, unfortunately we don’t know about that. But we’ll try to find out. If we get any information for you, we’ll send you an email. Kind regards, Ingrid

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