Erlebbare Geschichte: Das Vegesacker Geschichtenhaus

Am Hafen in Vegesack, etwas versteckt hinter einem Einkaufszentrum, ragt ein altes Speichergebäude empor. Seit 200 Jahren steht es hier und hat viel erlebt. Wer seine Geschichte und die Menschen, die Teil davon waren, kennen lernen möchte, lässt sich bei einer szenischen Führung ins Jahr 1845 entführen. Auch ich ließ mich mitnehmen und lernte auf der Zeitreise Anna Lange und ihre Angestellten kennen.

Ich sitze mit André van Waegeningh in der ersten Etage des alten Speichergebäudes am Vegesacker Hafen. Ein großer Raum mit Balkendecke und -stützen, knarrendem Holzboden und kleinen Fenstern umgibt uns. An den Wänden hängen Bilder des Künstlers Peter K. F. Krueger.

André hat gemeinsam mit Betriebsleiterin Silvia Claus das Projekt Vegesacker Geschichtenhaus 2016 ins Rollen gebracht. Er selbst hat dabei die Leitung der Ausstellung übernommen, die im unteren Teil des alten Gebäudes zu sehen ist und wegen der ich heute vor allem hier bin.

Doch zunächst erzählt André von der Geschichte des Hauses und vom Projekt des bras e.V., einem Träger, der arbeitsuchenden Menschen Unterstützung und Beschäftigung beim (Wieder-)Eintritt ins Berufsleben bietet.

Altes Gemäuer wieder belebt

Ich staune nicht schlecht, als ich erfahre, dass uns hier über 200 Jahre alte Mauern umgeben. Der Hafenspeicher ist der älteste der Region und diente viele Jahre als Holzlager für den Schiffbaubetrieb der Werft von Johann Lange. Damit sind wir auch schon mittendrin in der Geschichte, in die Besucherinnen und Besucher des Vegesacker Geschichtenhauses eintauchen.

Alt und modern zugleich: Trotz angebautem Treppenhaus mit Fahrstuhlschacht lässt das Speichergebäude immer noch erkennen, wir alt es eigentlich ist.

Alt und modern zugleich: Trotz angebautem Treppenhaus mit Fahrstuhlschacht lässt das Speichergebäude immer noch erkennen, wir alt es eigentlich ist.

Die Lange-Werft, die an diesem Ort um 1815 entstand, hielt sich fast 80 Jahre lang mit Holzschiffbau im wahrsten Sinne des Wortes über Wasser. Schließlich wurde aus ihr 1891 der Bremer Vulkan und die Zeit des Metallschiffbaus brach an. Die Werft wurde ein Stück weiter flussabwärts verlegt und in das alte Speichergebäude in Vegesack zogen zunächst eine Fischereigesellschaft, dann schließlich in den 1970er Jahren die Reederei Lürssen.

Geschichtsrettung und Neubeginn

Als das Gebäude in den 1990er Jahre abgerissen werden sollte, trat die Denkmalpflege auf den Plan und stellte es 1995 unter Denkmalschutz. Nach einer umfassenden Sanierung belebten immer wieder temporäre Kulturprojekte wie Theaterproduktionen und ein Erlebnismuseum das Haus. Bis 2015 der bras e.V., der bereits im Bremer Schnoor-Viertel ein Geschichtenhaus betreibt, mit dem Vorschlag für ein Vegesacker Geschichtenhaus kam.

Historische Darstellung des Vegesacker Hafens.

Historische Darstellung des Vegesacker Hafens.

Während in der ersten Etage, wo ich gerade noch mit André sitze, wechselnde Kunstausstellungen gezeigt werden, wird im Erdgeschoss schon alles für die bevorstehende Führung vorbereitet. Einen Moment später bin auch ich schon mittendrin im 19. Jahrhundert und begleite eine kleine Gruppe, die sich für die szenische Tour angemeldet hat. Die Führungen beginnen immer zur vollen Stunden, auch ohne Anmeldung und sobald eine Person sie besuchen möchte. Es wird aber empfohlen, sich vorher kurz anzumelden.

Frauenpower im 19. Jahrhundert

Von einem Vorraum, in dem wir an einem Modell des Vegesacker Hafens im 19. Jahrhundert historisch eingeführt wurden, gelangen wir ins Kontor der Anna Lange, geborene Raschen. Sie ist die Frau des Werftgründers Johann Lange und frisch verwitwet. Ihr Mann ist im Jahr 1844 verstorben und die aus einer Schiffbauerfamilie stammende Frau hat die Geschäfte der Lange-Werft übernommen. Sie etabliert in den Folgejahren unter anderem die Passagierschifffahrt auf der Weser.

Die Hausherrin: Anna Lange erzählt von ihrem Alltag als Werftleiterin.

Die Hausherrin: Anna Lange erzählt von ihrem Alltag als Werftleiterin.

Nachdem Frau Lange uns in ihre Geschäfte und Geschichte eingeführt hat, nimmt sie uns mit in die Werft. Hier treffen wir auf eine Seilerin, die uns eindrucksvoll zeigt, wie ihr Handwerk funktioniert. Von einem Kalfaterer erfahren wir außerdem, mit welchen Arbeitsschritten er die Holzschiffe abdichtet. Wir dürfen Materialien anfassen und an ihnen riechen. Ein Schmied erzählt uns von seinem Arbeitsalltag. Immer wieder erinnere ich mich daran, dass all das hier gezeigte und szenisch dargestellte wirklich einmal genau an diesem Ort stattfand. Die Gemäuer um uns herum machen gemeinsam mit den Darstellenden die Geschichte lebendig.

Das Seilern ging vor allem wegen der rauen Materialien für die Taue auf die Hände. Ein Beruf, der insgesamt sehr viel Erfahrung brauchte, um qualitativ hochwertige Ergebnisse zu bekommen.

Das Seilern ging vor allem wegen der rauen Materialien für die Taue auf die Hände. Ein Beruf, der insgesamt sehr viel Erfahrung brauchte, um qualitativ hochwertige Ergebnisse zu bekommen.

Beschläge und Werkzeuge wurden in der hauseigenen Schmiede hergestellt.

Beschläge und Werkzeuge wurden in der hauseigenen Schmiede hergestellt.

Kalfatern nannte man das Abdichten der Schiffsrümpfe. Mit in Öl getränkter Wolle, Holzteer und Pech wurde mühselig jeder einzelne Spalt in den Holzplanken verdichtet.

Kalfatern nannte man das Abdichten der Schiffsrümpfe. Mit in Öl getränkter Wolle, Holzteer und Pech wurde mühselig jeder einzelne Spalt in den Holzplanken verdichtet.

Auch im nächsten Raum umweht mich beim Eintreten direkt ein Hauch längst vergangener Zeiten. Wir lernen einen Walfänger und dir Frau eines Seefahrers kennen. Hören vom damals ganz normalen Geschäft der Walfängerei. Schließlich wird die kleine Gruppe im letzten Raum, einer alten Hafenkneipe, noch zu Tisch gebeten.

Trankochen: Heutzutage keine schöne Vorstellung, was zu Walfangzeiten in den Trankochstuben geschah.

Trankochen: Heutzutage keine schöne Vorstellung, was zu Walfangzeiten in den Trankochstuben geschah.

In der Hafenkneipe wird es zum Ende der Führung gemütlich.

In der Hafenkneipe wird es zum Ende der Führung gemütlich.

Ich bin inzwischen wieder nach draußen gelangt, laufe noch einmal um das alte Gebäude herum. Heute erinnert hier nur noch wenig in der Umgebung an die Zeiten der Lange-Werft. Umso schöner, dass im Innern des alten Hafenspeichers die Geschichte Tag für Tag erneut zum Leben geweckt wird.

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *