Von Hutmacherinnen, Antiquitätenhändlern und Mode made in Bremen

Er gilt als eine der ausgesuchtesten Einkaufsstraßen in Bremen: der Fedelhören. Gleichzeitig ist er alles andere als das, was heutzutage typischerweise unter den Begriff Shoppingmeile fällt. Grund genug für mich, die Straße mit dem merkwürdigen Namen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. An einem sonnigen Septembernachmittag mache ich mich auf den Weg in das Bremer Quartier – und stoße auf eine ungeahnte Herzlichkeit zwischen den Menschen, die hier arbeiten.

Bremen lebt von seinen verschiedenen Quartieren. Die Stadtteile der Hansestadt zeigen sich alle von ihrer ganz eigenen Seite – ob mit szeniger Straßenkunst, großen Anwesen mit sorgsam gepflegten Vorgärten oder hübschen Reihenhäuschen, bunt angestrichen in allen Tönen, die eine Farbpalette hergibt. Eines dieser Bremer Quartiere ist der Fedelhören: Eine geschwungene Straße, in der sich ein Altbremer Haus an das nächste schmiegt, fast vergessene Schätze in den Schaufenstern zahlreicher Geschäfte schlummern und sich immer wieder Menschen im Vorbeigehen zuwinken, die Hand für einen schnellen, aber nicht weniger herzlichen Gruß erhoben.

       

Vom Zentrum der Hansestadt ausgehend sind es nur wenige hundert Meter Fußweg bis zum Fedelhören. Vorbei am Bremer Dom, über den Domshof und durch die Bischofsnadel hindurch, die Innenstadt und Wallanlagen miteinander verbindet. Neben Radfahrenden und Wasservögeln, entlang sattem Grün weiter durch den Park, zuletzt über eine kleine Brücke und durch das schmiedeeiserne Tor, hinter dem sich der Präsident-Kennedy-Platz eröffnet. Ein Blick über die Schultern bestätigt den kurzen Weg: Zwischen den Bäumen lugen die Domspitzen hervor. Wer sich über die ungewöhnliche Bezeichnung Fedelhören wundert, findet übrigens Aufklärung in einem früheren Blog-Artikel, für den meine Kollegin auf den Spuren seltsamer Straßennamen in Bremen unterwegs war.

Einkaufsbummel mit Vintage-Flair

Am Präsident-Kennedy-Platz fällt ein großes Gebäude ins Auge: das Bremer Staatsarchiv. Auf über elftausend Regalmetern lagern hier Schriftstücke, die bis ins 12. Jahrhundert zurück reichen. Wer sich für bremische Geschichte interessiert, findet jede Menge Quellen und Überlieferungen – waren diese früher verschlossen, stehen sie heute nicht nur der Forschung, sondern auch neugierigen Bürgerinnen und Bürgern offen. Ein Staatsarchiv eröffnet eine Einkaufsstraße? Klingt erst einmal ungewöhnlich, könnte die Schätze im Fedelhören jedoch nicht treffender ergänzen. Die Straße beheimatet eine Vielzahl an Fachgeschäften, die meisten davon sind inhabergeführt. Vom Keramik-Atelier, Antiquitätenhandel, Kunsthandwerk, Schmuckwerkstatt und Modelabel bis zum Hutmacher und Münzhandel scheint bei manch einem hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Verstaubt ist der Fedelhören aber keineswegs, im Gegenteil: Hier warten Besonderheiten und Raritäten darauf, entdeckt zu werden. Das Vintage-Ambiente gibt es obendrauf.

Ich spähe durch die Fensterscheiben der Modemanufaktur laGitana und habe Glück – drinnen sieht es ruhig aus, die Inhaberin sitzt mit einer Kundin kaffeetrinkend auf einem plüschigen, khakifarbenen Sofa. Bevor es sie vor zweieinhalb Jahren in den Fedelhören zog, verkaufte Gitana ihre fair, nachhaltig und regional hergestellte Damenmode in der Hemmstraße im Stadtteil Findorff. Findorff sei sehr auf sich bezogen, „der Fedelhören zentraler in seiner Lage und einfach schön mit den kleinen Läden“, sagt sie.

Nach langjähriger Berufserfahrung als selbstständige Designerin und zwei großgezogenen Töchtern entstand vor acht Jahren ihr eigenes Label laGitana. Besonderheit: Verarbeitet werden nicht nur Bio-Stoffe, die Längen, Größen und Proportionen können auch individuell für eine Kundin angepasst werden. So entstünden Teile, die sehr lange getragen werden – Kritik an der Schnelllebigkeit der Modeindustrie schwingt mit. Gitanas Bilanz ist trotzdem positiv, denn: „Bei den Bremerinnen merkt man einen Wandel – immer mehr fragen sich, was sie eigentlich tragen“, freut sie sich.

Im Fedelhören kennt man sich   

Ein paar Schritte weiter bleibe ich vor einem riesigen Strauß Gladiolen stehen, der auf einem Tischchen vor dem nächsten Schaufenster platziert wurde. Ein Blick nach oben auf das Ladenschild verrät mir, was ich dahinter finden werde: KONTRAST Männermode. Im Fedelhören hängen noch Ladenschilder, wie man sie sonst aus alten Filmen kennt – hoch über den Köpfen ragen sie auf die Straße, manche eisern verschnörkelt. Seit fünf Jahren gehört das Geschäft Holger Mertins, Männermode wurde hier aber schon lange zuvor verkauft. Auch er ist glücklich mit seinem Standort: „Der Fedelhören ist eine der letzten schönen Straßen in Bremen, modern und zeitlos“, findet er. Mir würden da zwar noch ein paar weitere schöne Straßen in der Hansestadt einfallen, aber eines steht fest: Der Fedelhören hat ein besonderes Flair. Eine so vielfältige Ansammlung aus Kunsthandwerk, Mode, Antiquitäten und Designstücken gepaart mit der herzlichen Kultur, die Neugierigen hier entgegenweht , gibt es wohl tatsächlich nur im Fedelhören. Herr Mertins fragt mich, bei wem ich schon reingeschaut habe auf meinem Bummel. Er spricht über seine Nachbarinnen und man könnte meinen, die Inhaberinnen und Inhaber seien alle eine große Familie. „Man kennt sich“, drückt er diese – scheinbar nur mir neue – Selbstverständlichkeit aus.

Am liebsten würde ich in jeden Laden einmal reinschauen, dafür sind es aber eindeutig zu viele! Sogar eine Maßschuhwerkstatt und Bremens ältestes Teppichfachgeschäft sind hier beheimatet. Wer sich für Schönes begeistern kann, wird mit der Auswahl aus Kunsthandwerk und Galerien, antiken Sammlerstücken und schmucken Unikaten von Goldschmiedemeisterinnen gut bedient sein. Und auch für kulinarische Gaumenfreuden sorgt der Fedelhören – mit zwei edlen italienischen Restaurants mit den wohlklingenden Namen La Bottega Italiana  und Ristorante L’Abruzzese. Da darf ein Weinhandel in der Nachbarschaft natürlich auch nicht fehlen.

Antiquitäten von Nautik bis Art déco

Wer Ausgefallenes sucht und den entsprechenden Blick für Schätze aus vergangenen Zeiten hat, wird im Fedelhören große Augen bekommen. Denn nirgendwo in der Hansestadt sammelt sich eine solche Vielzahl aus Antiquitätenhandel wie hier. Seit 40 Jahren verkauft beispielsweise der Antiquitätenhandel Raup Sammlerstücke aller Art – von restaurierten Lampen über Militärstücke aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg bis hin zu Nautiquitäten reicht die Sammlung. Nicht weniger vielfältig sind dabei die Stilrichtungen. Wem fehlt zu Hause noch eine Wandleuchte mit feuervergoldetem Drachen? Oder doch lieber eine Tischlampe mit weiblicher Keramikskulptur, die von ihrer künstlichen Lichtquelle in Szene gesetzt wird?

Im Fedelhören Nummer 9 finden Sammlerinnen und Sammler Kunst & Antiquitäten aus ganzen Haushaltsauflösungen, Bibliotheken und Nachlässen. „Häufig sind es die unscheinbaren Dinge, die von Wert sein können. Einige alte Postkarten, ein paar Orden oder ein nicht mehr benötigtes Silberbesteck sind oft genauso wertvoll wie ein antikes Gemälde“, heißt es hier. Wer sich für die Kunstgeschichte  des 19. und 20. Jahrhunderts begeistert, schaut beim Kunsthandel Schulz rein – hier sind nationale wie international bekannte Künstlerinnen und Künstler aus Impressionismus, Jugendstil, Expressionismus, Surrealismus und vielen weiteren Stilrichtungen vertreten. Der Kunsthandel wird seit 1979 mit Expertise geführt – Inhaber Schulz ist studierter Kunsthistoriker. Vor dem Fedelhören mit Hausnummer 10 stehen verschiedene Stühle auf dem Gehweg und laden Vorbeikommende zur kurzen Verschnaufpause und auf einen bremischen Schnack ein. Der Art Deco-Laden wirbt mit Kunst und Antiquitäten aus den 50er bis 70er Jahren. Ein bisschen chaotisch wirkt es hier, doch gleichzeitig reizvoll, sich auf Schatzsuche zu begeben – die passende Atmosphäre eben. Mit ein bisschen Glück findet ihr dabei handsignierte Werke von Andy Warhol oder John Lennon.

Modestadt Bremen? 

Mein Blick fällt ins Schaufenster der Boutique PROTOTYPE.Schumacher und bleibt an den kostbar glitzernden Schmuckstücken hängen. Neben Modeschmuck internationaler Designer lockt die Auswahl an originalem Vintage Modeschmuck der 30er bis 60er Jahre aus Europa (Dior, Chanel, Schiaparelli,…) und den Vereinigten Staaten (Haskell, Hobé, Har, De Lillo,…) Liebhaberinnen aus ganz Deutschland nach Bremen.

Es ist schwer, hier wieder loszukommen – denn Inhaberin und Diplom-Designerin Sigrid Schumacher hütet nicht nur eine riesige Auswahl ausgefallener Mode und Schmuck jeder denkbaren Stilrichtung, sondern genauso viele spannende Geschichten, die sie gerne bereit ist zu erzählen. Ich nehme Platz auf einem majestätisch wirkenden seidenbezogenen Stuhl und tauche ein in die Arbeit der international bekannten Designerin.

„Viele Bremerinnen und Bremer wissen gar nicht, dass hier richtig Mode entsteht“, sagt sie. Seit der Entstehung des Labels 1993 steht PROTOTYPE.Schumacher für nachhaltige Mode: Gefertigt wird nur im eigenen Atelier, der labeltypische Multimicrofaserlycrajersey stammt aus italienischer Produktion und ist schadstofffrei. Jedes Jahr entstehen zwei neue Kollektionen, jeweils für Sommer und Winter. Dabei dreht sich die Mode mal um kosmische Anziehungskräfte bei Modellen mit Mondphasen-Applikationen und aus Kristallen gesetzten Sternbildern (Kollektion COSMIC ATTRACTION). Sein 25-jähriges Jubiläum im Winter 2018 feierte das Label mit der Kollektion PUNKT., bei der geometrische Grundformen aus neuer Sicht zum Tragen kommen – mit Punkten, die sich dreidimensional auflösen oder Linien, die zu raffinierten Streifen fließen. Mit ihrem Label ist Sigrid Schumacher regelmäßig auf den Laufstegen der Welt zu sehen: New York, Paris, Mailand, Wien … die Liste ist lang. „Ich düse mit meiner Mode um die Welt und mache Bremen-Werbung“, lacht sie. Dabei begegnet ihr immer wieder der fremde Blick auf die eigene Heimat: Eine Journalistin der japanischen Vogue habe ihr einmal erzählt, dass in Japan fast jedes Kind das Märchen der Bremer Stadtmusikanten kenne. Kurios!

PROTOTYPE.Schumacher entwickelt Mode aber nicht nur für die Laufstege auf internationalen Fashion Weeks, sondern für real existierende Frauen. Die Kundin wird hier individuell und typgerecht beraten, die Mode kann auch nach Maß und als Abwandlung angefertigt werden. „Außerdem sind wir stolz auf eine extreme Langlebigkeit unserer Modelle. Manche Kundin trägt ihre Hosen von uns seit 25 Jahren“, erzählt die Diplom-Designerin. Auch hier reicht die Geschichte des Labels zurück nach Findorff und zur Kulturmeile im Ostertorviertel, bevor das Glück im Fedelhören so richtig einsetzte. „Der Fedelhören ist die Straße in Bremen, in der sich Kreativität und handwerkliches Geschick auf hohem Niveau sammelt. Hier wird gemacht: Künstler, Maler, Goldschmiede … alle befruchten sich gegenseitig“, sagt sie. Und dazu gehöre auch, dass hinter den Tresen die Inhaberinnen und Inhaber selbst stehen.

Mein Fazit könnte nicht eindeutiger ausfallen: Wenn ihr einmal in Bremen seid, schaut unbedingt im Fedelhören vorbei. Wer auf der Suche nach etwas Besonderem ist, wird hier sicher fündig und taucht dabei für ein, zwei Stunden ein in die ganz eigene Welt dieser hübschen Straße. Und auch wenn es noch eine Weile dauert, bis die Ladentüren wieder öffnen dürfen – bis es soweit ist, steigt die Vorfreude auf einen entspannten Bummel in der Frühlingssonne durch den Fedelhören.

Ein Gastbeitrag von Anna Kehl

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