Im Westen viel Neues: Ein Walle-Spaziergang

Der Stadtteil Walle ist unter Bremerinnen und Bremern gleichermaßen beliebt wie unterschätzt. Wer nicht hier wohnt oder arbeitet, kommt irgendwie auch selten hierher. Dabei lohnt sich ein Besuch absolut. Davon konnte ich mich bei einem Spaziergang durchs Quartier wieder mal überzeugen.

An einem Juni-Donnerstag begebe ich mich im Bremer Westen auf einen kleinen Rundgang. Das Ziel: Den Stadtteil Walle mal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Da Walle ziemlich groß ist, beschränke ich mich bei meinem Spaziergang und „grase“ gewissermaßen das Utbremer bzw. Waller Grün sowie die anliegenden Straßenzüge ab. Der Grünstreifen zieht sich über etwa 1,3 Kilometer mitten durch die Wohngebiete des Stadtteils.

Ein Haus fürs Volk

Ich starte gleich hinter Unterführung der B6 an der Hans-Böckler-Straße. Rechts von mir liegen die Sportanlagen des Bremer Sport-Verein von 1906 e.V. und des TV Bremen-Walle 1875 e.V.

Auch Nicht-Wallerinnen und -Waller kommen hierher, um sich sportlich zu betätigen.

Auch Nicht-Wallerinnen und -Waller kommen hierher, um sich sportlich zu betätigen.

Ein paar Schritte weiter stehe ich vor einer ziemlich beeindruckenden Fassade. Es ist die Front vom Volkshaus.

Das Volkshaus mit seiner beeindruckenden Fassade inklusive einiger Repliken der Hoetger-Plastiken.

Das Volkshaus mit seiner beeindruckenden Fassade inklusive einiger Repliken der Hoetger-Plastiken.

Allein über die Geschichte dieses Gebäudes ließe sich wahrscheinlich ein ganzes Buch schreiben. In dem ehemaligen Gewerkschaftshaus befinden sich heute das Amt für soziale Dienste sowie ein Theater. Nach Erbauung 1928 waren hier die Gewerkschaftssekretariate, eine Bibliothek, die Arbeiterkammer, eine Arbeiterbank, ein Jugendheim sowie die Geschäftsräume eines Hotels, ein Restaurant, eine Kegelbahn und ein gemeinnütziges Bestattungsinstitut untergebracht. Die Fassade schmückten acht Skulpturen von Bernhard Hoetger (Böttcherstraße), die unterdrückte Arbeiter darstellten. Die Nationalsozialisten vernichteten die Plastiken. 1944 wurde das Gebäude durch Bomben stark zerstört, anschließend aber wieder aufgebaut. 1979 ließ man sechs der Hoetger-Figuren in einem Nachguss des Bildhauers Manfred Lohrengel nachbilden. Sie sind heute noch an der Fassade zu finden.

Paralleluniversum

Hinter dem Volkshaus biege ich nach rechts in die Ringstraße „Auf der Kamp“ ein. Hier befindet sich eine Wohnsiedlung, von der ich bereits ein paar Mal gehört habe und die ich mir immer schon anschauen wollte: der Sternenhof. Soweit ich das recherchieren kann, bezieht sich der Name auf ein altes Landgut, das hier vor den Stadttoren Bremens existierte. Der hiesige Ortsteil nennt sich übrigens „Utbremen“, was soviel heißt wie „außerhalb Bremens“. In den 50er Jahren wurde in Anlehnung an das ehemalige Gut ein Gebäudeensemble erbaut, dessen Fassaden zahlreiche Sternenbilder zeigen. Ich entdecke den „Kleinen Bär“, „Kassiopeia“, „Orion“ und noch viele weitere. Eine friedliche Stimmung umgibt einen in der Sackgasse.

Nach den Sternen greifen? Kein Problem im Sternenhof. Das Gebäude-Ensemble stammt aus den 1950er Jahren.

Nach den Sternen greifen? Kein Problem im Sternenhof. Das Gebäude-Ensemble stammt aus den 1950er Jahren.

Hinter den Häusern des Sternenhofs beginnt ein Grünstreifen, der von Rad- und Fußwegen durchzogen ist. Auf dieser Höhe heißt er noch „Utbremer Grün“, weiter im Westen ist es dann das „Waller Grün“. Obwohl ich schon einiger Male in Walle unterwegs war, habe ich den schönsten Weg in den Stadtteil hinein bisher offensichtlich immer verpasst. Schon nach ein paar Metern habe ich das Gefühl, mich in einer Parallelwelt zu befinden. Hohe Bäume und Gebäude schirmen den Straßenlärm ab, Radfahrerinnen und Radfahrer sausen an mir vorbei, Kinder spielen lauthals auf Spielplätzen und zahlreichen Kita-Höfen. Es gibt zahlreiche Sitzgelegenheiten, an denen man sich sogar sportlich betätigen kann, es gibt Rasenflächen und eingezäunte Sportplätze.

Im Waller Grün lässt es sich gut aushalten und aufhalten. Von Spiel über Sport bis hin zu Kunst wird hier geboten.

Im Waller Grün lässt es sich gut aushalten und aufhalten. Von Spiel über Sport bis hin zu Kunst wird hier geboten.

Der Waller Spargel ist immer mit von der Partie

Immer wieder taucht über und zwischen den Häusern und Bäumen der Bremer Fernmeldeturm auf. Hier in Walle ist er noch einmal präsenter als im Rest der Stadt. Wenn man so will, ist er das Wahrzeichen des Stadtteils. Obwohl die Silhouette des Hafens da sicher auch noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Von den Wallern liebevoll "Spargel" getauft: Langer Lulatsch würde auch passen :)

Von den Wallern liebevoll „Spargel“ getauft: Langer Lulatsch würde auch passen :)

Baustruktur verrät Geschichte

Durch die Nähe zum Hafen ist Walle schon früh zum Arbeiterviertel der Stadt avanciert. Das lässt sich hier und da auch deutlich an der Bebauung erkennen. Leider ist an der Baustruktur auch abzulesen, wie stark Walle im zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Im August 1944 wurde der Stadtteil bei einem Luftangriff nahezu dem Erdboden gleich gemacht. Ich finde allerdings, dass trotz typischer 50er-Jahre-Hochhausbauten, der Wiederaufbau insgesamt ziemlich gut gelungen ist. Die Wohnanlagen sind alle von viel Grün umgeben und sind in Reihenhauszeilen sowie anderen nicht allzu hohen Häusern erbaut.

Typische Bremer Straßenzüge: In Walle ist viel zerstört, aber zum Glück auch viel wieder aufgebaut worden nach dem Krieg.

Typische Bremer Straßenzüge: In Walle ist viel zerstört, aber zum Glück auch viel wieder aufgebaut worden nach dem Krieg.

Viele Straßenzüge wurden außerdem originalgetreu wieder errichtet. Das Arbeiterflair des Stadtteils wurde damit bis heute erhalten. Das Waller Wied auf der südlichen Seite der Nordstraße ist hierfür ein gutes Beispiel. Da komme ich bei meinem Rundgang heute allerdings gar nicht mehr hin.

Vom Dorf zur Stadt

Anders als in manch anderen Bremer Stadtteilen ist Walle deutlich das Großstädtische anzusehen. Große Straßen, auf denen zahlreiche LKWs unterwegs sind, zeugen von der Nähe zum Hafen. Dabei begann alles mit einem Gut vor etwa 900 Jahren, um das sich nach und nach ein Dorf ansiedelte. Erst im 19. Jahrhundert wurde Walle eingemeindet. Mit dem Hafen kamen die Arbeiter und sie blieben. Heute ist der Stadtteil unfassbar vielfältig. Vom Karnevalsverein bis zur Deutsch-Türkischen-Freundschaftsstube, von der klassischen Stammeckkneipe bis zum alternativen Studi-Café, vom Dönerimbiss bis zur gehobenen Küche – egal, was gesucht wird, ich bin mir ziemlich sicher, dass man in Walle fündig wird.

Wenn eine nachbarliche Botschaft in acht Sprachen aufgehängt wird, dann verrät das einiges über die Vielfalt im Quartier :)

Wenn eine nachbarliche Botschaft in acht Sprachen aufgehängt wird, dann verrät das einiges über die Vielfalt im Quartier :)

Straßen- sowie Hauswandkunst sind auch in Walle an fast jeder Ecke zu finden. Hier die "Waller Jungs" von Klaus Halfar.

Straßen- sowie Hauswandkunst sind auch in Walle an fast jeder Ecke zu finden. Hier die „Waller Jungs“ von Klaus Halfar.

Auf dem Wartburgplatz haben sich sechs bronzene Zeitgenossen zusammen gefunden. Sie führen hier seit 1981 die "Waller Gespräche". Künstler: Jan Irps und Bernd Altenstein.

Auf dem Wartburgplatz haben sich sechs bronzene Zeitgenossen zusammen gefunden. Sie führen hier seit 1981 die „Waller Gespräche“. Künstler: Jan Irps und Bernd Altenstein.

Gebäude im Wandel der Zeit

Südlich vom Waller Grün liegt das Quartier Steffensweg, nordöstlich liegt der Ortsteil Westend. Am Steffensweg steht die Wilhadi-Kirche. Ursprünglich war sie im 19. Jahrhundert an der Nordstraße im neugotischen Stil erbaut worden und gehörte zur Stephanigemeinde. Doch auch dieses Bauwerk wurde im Krieg zerstört und später dann am Steffensweg neu errichtet.

Die Wilhadi-Kirche stand einst an der Nordstraße. Heute ist sie am Steffensweg zu finden.

Die Wilhadi-Kirche stand einst an der Nordstraße. Heute ist sie am Steffensweg zu finden.

Mein Gang durch das Waller Grün endet am Sockel eines ehemaligen Wasserturms. So war zumindest der Plan. Nach dem, was ich vorher gelesen habe, hatte ich einen freistehenden, etwa drei Meter hohen Sockel erwartet, auf dem 1905 der größte Wasserturm Europas platziert worden war. Auch hiervon blieb nach dem Krieg nur noch das Fundament.

Als ich darauf zulaufe, stelle ich allerdings fest, dass sich hier viel getan hat. Auf den ehemaligen Wasserturmsockel ist ein neues Gebäude gebaut worden. Die Bauarbeiten scheinen in den letzten Zügen zu liegen. Durch die achteckige Form des Sockels hat auch das neue Gebäude eine ziemlich besondere Form erhalten. Gleich daneben entdecke ich ein Haus, das den Krieg wohl überstanden hat. Vielleicht ist es Teil des ehemaligen Dorfes Walle, das hier vor den Westtoren der Stadt Bremen einst entstand.

Einst ein Wasserturm, dann nur noch der Sockel und heute ein Neubau. An der Karl-Peters-Straße.

Einst ein Wasserturm, dann nur noch der Sockel und heute ein Neubau. An der Karl-Peters-Straße.

Gewissermaßen das "Flat Iron Building" Bremens. Dort wo die Wartburgstraße sich in Vegesacker und Bremerhavener Straße gabelt.

Gewissermaßen das „Flat Iron Building“ Bremens. Dort wo die Wartburgstraße sich in Vegesacker und Bremerhavener Straße gabelt.

Lesestoff-Mangel? Kein Problem: Am Wartburgplatz gibt es Nachschub.

Lesestoff-Mangel? Kein Problem: Am Wartburgplatz gibt es Nachschub.

Durch die Vegesacker Straße laufe ich zurück, an Eckkneipen, Eisläden und Dönerbuden vorbei. Am Wartburgplatz setze ich mich in den Schatten einiger Bäume und schaue den Markthändlern beim Abbau ihrer Stände zu. Hier lässt es sich leben, denke ich. Ich für meinen Teil werde auch weiterhin so oft wie möglich nach Walle kommen – von nun an immer über das Waller Grün.

2 Anmerkungen zu “Im Westen viel Neues: Ein Walle-Spaziergang

  1. In Walle geht mehr als so mancher denkt, das sehe ich auch so. Und dort geht mehr, als die Gegend um das Waller Grün vermuten lässt. Walle hat viele Gesichter.

    Die gesamte Überseestadt gehört zum Stadtteil, ein wunderbarer Park mit angrenzendem Friedhof, das Osterfeuerberg-Viertel mit der Union-Brauerei, Hafenanlagen, Streetart, Überbleibsel aus der Zeit der Golden City … Auch hierüber sind einige Geschichten in unserem Blog zu finden. Stöbert doch mal!

  2. Und hier noch mein Gastrotipp für die Pause nach dem Spaziergang – das LOX:
    https://www.lox-bar.de/

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