Wo die Weser einen großen Bogen macht

Wie eine Oase der Ruhe liegt auf der Westseite des Weser-Stadions ein kleines Gelände, das vielen Bremern gemeinhin als Weserbogen bekannt ist. Hier macht die Weser tatsächlich einen Bogen – auch wenn dieser nicht ganz so groß ist, wie der im Titel zitierte Song behauptet. Doch hier steht trotz Präsenz des Stadions bei weitem nicht alles im Zeichen des Fußballs. Nein, hier geht es auch ums Segeln und das schon seit über 140 Jahren.

Heute geht es um alles – also zumindest beim Fußball. Die Bundesliga-Begegnung gegen Stuttgart steht an und der Ausgang des Spiels könnte Werders Abstieg bedeuten. Die Massen, die während meiner Foto-Session vorm Spiel an mir vorbeiströmen, scheinen noch ein wenig aufgeregter als sonst. Verständlich. Immer wieder schnappe ich bange Gesprächsfetzen auf: „Es fühlt sich nicht gut an“ und „Ich hoffe, wir gewinnen“. Am Fuße des Weser-Stadions sammeln sich die Fans für ein Getränk vorneweg. Die Sonne senkt sich langsam im Westen gen Horizont. Abendstimmung.

Abendsonne auf der Terrasse

Abendsonne auf der Terrasse

Klingt verlockend. Auf der Kuchenleiter immer nach oben!

Klingt verlockend. Auf der Kuchenleiter immer nach oben!

Auch von innen ein Super-Ausblick - die Anzahl der Pokale spricht für eine lange Vereinszeit.

Auch von innen ein Super-Ausblick – die Anzahl der Pokale spricht für eine lange Vereinszeit.

Die Ruhe vor dem Sturm

Ich schleiche mittags schon mal über das Gelände am Weserbogen, um ein paar Fotos ohne Fußball-Trubel zu machen. Die ersten Vorbereitungen für abends laufen bereits, Getränkewagen werden aufgebaut. Schon jetzt, wo das Café Weserbogen noch gar nicht geöffnet hat, nutzen einige Spaziergänger und eine Radfahrerin den Ort zum kurzen Verweilen und Sonne tanken.

Vereinsheim mit Blick gen Westen - auch aus dem Wintergarten oben.

Vereinsheim mit Blick gen Westen – auch aus dem Wintergarten oben.

Vor einigen Jahren noch ließ dieser Ort kaum etwas durchblicken von dem Charme, den er jetzt versprüht. Das Ufer um das kleine Hafenbecken herum war zugewuchert und auch ein Zaun hielt Neugierige davon ab, genauer zu erfahren, was sich hier in diesem Winkel eigentlich abspielt.  Ein paar Baumaßnahmen später und schon kann man wohl von einem der beliebtesten Aufenthaltsorte entlang der Bremischen Weser sprechen. Kaum wird es wärmer, tummeln sich hier zahlreiche Bremerinnen und Bremer zu Kaffee und Kuchen oder Bier und Pommes.

Die Terrasse vom Café Weserbogen könnte nicht perfekter liegen.

Die Terrasse vom Café Weserbogen könnte nicht perfekter liegen.

Blick gen Osten - flussaufwärts

Blick gen Osten – flussaufwärts

Vor allem gegen Abend verströmt dieser Ort eine geradezu magische Stimmung. Wenn die Sonne hinter der umgedrehten Kommode entlang wandert und alles in rötlich-warme Farben taucht, schmeckt das frischgezapfte Bier im Café Weserbogen besonders gut. Die Schatten der alten Kastanien auf dem Gelände werden länger, die Gespräche unter ihnen auch. Alles ist in sommerliche Biergarten-Atmosphäre getaucht.

Ausblick gen Westen - besonders schön bei Sonnenuntergang.

Ausblick gen Westen – besonders schön bei Sonnenuntergang.

Der älteste Segelverein der Stadt

Das Maritime hier ist nicht zu übersehen. Eine Windrose auf dem Dach des alten Gebäudes dreht sich langsam im Wind, ein Segelmast mit kompletter Takelage steht an Land, ein alter Anker wird von Pflanzen langsam überwachsen. Schließlich gehört das Café Weserbogen zum ältesten Segelverein Bremens, der hier auf dem Gelände seit 1884 ansässig ist. Während im Sommer also die einen einfach zum Biertrinken hier sitzen, landen die anderen im kleinen Hafenbecken an, vertäuen ihre Jollen und gelangen über das Stegsystem wieder an Land. Über 300 Mitglieder zählt der Segelverein Weser e.V. und die Wartelisten auf Kurse sind lang.

Der liegt hier schon ein bisschen länger - auch die Vereinsältesten wussten nicht so genau, woher der Anker eigentlich kommt.

Der liegt hier schon ein bisschen länger – auch die Vereinsältesten wussten nicht so genau, woher der Anker eigentlich kommt.

Die Windrose zeigt den Seglern stets die Windrichtung an.

Die Windrose zeigt den Seglern stets die Windrichtung an.

Schon fast in den Startlöchern - die Saison beginnt bald.

Schon fast in den Startlöchern – die Saison beginnt bald.

Am Fuße des Stadions

Am Fuße des Stadions

Das verbindende Glied zwischen Segelverein und Fußball, die übrigens mit den Vereinsinitialien SVW auch noch Namensvetter sind, stellt wohl die Weserfähre da, die hier zu Spielen ganz aus Bremen-Nord grün-weiße Menschenmassen anschippert. „Das einzige Stadion in Deutschland, das mit dem Schiff erreichbar ist“, heißt es auf der Hal över-Website. Das ist natürlich eine besondere Anfahrt zu einem Fußball-Spiel.

Mit dem Schiff ins Stadion - oder zumindest an den Rand. Die Weserfähre landet hier vor Spielen mit zahlreichen Werderanern an Bord an.

Mit dem Schiff ins Stadion – oder zumindest an den Rand. Die Weserfähre landet hier vor Spielen mit zahlreichen Werderanern an Bord an.

Grün-weiße Fußball-Massen

Als ich abends noch einmal zurückkehre, ist der Ort wie ausgewechselt. Die Massen am „O-Deich“ strömen langsam gen Stadion, während das Wasser im Fluss beharrlich in die andere Richtung unterwegs ist. Kaum betrete ich das Gelände des Segelvereins und des Café Weserbogen überkommt mich erneut diese wohltuende Ruhe. Die Gebäudeansammlung, die alten Kastanien und der Deich auf der Rückseite schirmen auf wundersame Weise die Stadt ab. Der Fluss strömt mit aller Gelassenheit vorbei. Aktuell ist Ebbe, die Schiffe im kleinen Hafen liegen jetzt quasi fast auf dem Trockenen. Zumindest schaukeln sie nicht mehr unter den Wellen, die von den Frachtern draußen auf der Weser hereinschwappen. Auf der Weser wird gerudert, das Wasser glitzert im Abendlicht.

Kleine und große Boote ziehen vorm Hafen vorbei.

Kleine und große Boote ziehen vorm Hafen vorbei.

Ich lasse das Weser-Stadion und den Weserbogen hinter mir und schlendere durch Seitenstraßen zurück, um den mir entgegen kommenden Fußball-Massen zu entgehen. Nach Anpfiff ist die eindringliche Ruhe, die sich während eines Werder-Spiels immer über die ganze Stadt legt, noch ein wenig stiller als sonst. Bis absehbar wird, dass Werder das Spiel für sich entscheiden kann. Jubel und Gesänge sind noch weit vom Weserbogen entfernt zu hören.

P.S.: Das im Beitragstitel zitierte Lied ist übrigens eine Werder-Abwandlung des sogenannten Weserbogenlieds, das sich ursprünglich auf einen deutlich südlicheren Weserbogen bezieht.

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