Very british: Ein Tea Room und ein weißes Kaninchen

Überraschungen kommen meist unverhofft. So erging es mir bei meinem ersten Besuch im White Rabbit, einem britisch inspirierten Tea Room & Café im Hulsberg-Viertel, das so ganz anders ist als all die üblichen Cafés, die ich bisher in Bremen kennengelernt hatte. Auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Idee für eine Geburtstagstorte statte ich dem märchenhaften Laden wieder mal einen Besuch ab.

Very british und ganz viel Ruhe: Der Tea Room im White Rabbit

Very british und ganz viel Ruhe: Der Tea Room im White Rabbit

Die Türglocke läutet als ich eintrete. Muffins, Cupcakes, Shortbread und Tea-Time – das White Rabbit ist nicht nur kulinarisch betrachtet britisches Terrain. Inhaberin Anett Noster hat während ihres Anglistik-Studiums selbst auf der Insel gelebt und von dort einige Inspirationen in Sachen Tea Room mitgebracht. Vor genau drei Jahren gründete sie das kleine Ladengeschäft im Hulsberg-Viertel.

Im vorderen Bereich befindet sich Tee Room & Café mit der schönen alten Holztheke in einem gemütlichen, unaufgeregtem Ambiente. Im hinteren Teil des Ladens werden neben außergewöhnlichen Wunsch-Torten all die bunten Küchlein produziert, die später in einer kleinen Kühlvitrine darauf warten, ausgewählt und verspeist zu werden.

„Kein Platz, alles besetzt!“

Gerade mal sechs, sieben Personen passen hier an den einzigen großen Tisch. Und genau dahinter verbirgt sich die Namensgebung – denn das White Rabbit ist nach dem Märzhasen, dem weißen Kaninchen (white rabbit) aus dem Kinderbuch-Klassiker „Alice im Wunderland“ benannt. Im Kapitel „Eine verrückte Teeparty“ steht ein langer, gedeckter Tisch bereit. Und obwohl alle Plätze frei sind, ruft das paranoide weiße Kaninchen Alice zu: „Kein Platz, alles besetzt!“
Zwar gibt es im White Rabbit keine paranoiden (lebendigen) Hasen, aber wer hier auf Nummer sicher gehen möchte, sollte vorher Plätze reservieren, denn besonders an den Wochenenden sind die Plätze schnell besetzt.

Der Märzhase - hier ist er also!

Der Märzhase – hier ist er also!

Kommen wir zum Eigentlichen: Die Gebäckspezialitäten. Sie werden in detailfreudiger und sorgsamer Handarbeit hergestellt, auf Backmischungen, künstliche Aromen und Konservierungsstoffe verzichtet Anett Noster gerne. Stattdessen setzt die 38-Jährige auf frische, hochwertige und natürliche Zutaten. Im Tea Room gibt es neben Gebäcken und Kaffee-Spezialitäten auch zahlreiche britische Tee-Sorten zur Auswahl – of course! – wie könnte es anders sein.

Wunderbare AIDA-Torten…

Die Autodidaktin in Sachen Gebäckwaren experimentiert gerne mit den Toppings für ihre Cupcakes und den Créme-Füllungen ihrer Torten und lässt sich immer wieder etwas Neues einfallen. Neben den Spezialitäten im Tagesgeschäft des Tea Room stellt sie Torten für die unterschiedlichsten Anlässe her. Selbstverständlich keine belanglosen Sahne-Torten, keine Schwarzwälder Kirsch oder gar Philadelphia-Torten, sondern exquisite Gebilde ganz nach den Wünschen ihrer Kundinnen und Kunden. Gründe zu feiern gibt es ja bekanntlich viele, ob Hochzeiten, Kindergeburtstage, Dienstjubiläen oder Gartenfeste.

Diese schmucke Torte ist für: Fritz - nehme ich an.

Diese schmucke Torte ist für: Fritz – nehme ich an.

Inhaberin und Torten-Expertin Annett Noster setzt die letzte Blüte auf die Torte.

Inhaberin und Torten-Expertin Annett Noster setzt die letzte Blüte auf die Torte.

Nun überlege ich, ob eine solche Torte das Richtige für den Geburtstag meiner Tante sein mag. Denn die Motivtorten aus dem Hause White Rabbit sind verrückt und ausgefallen, ganz so wie das Wunderland bei der kleinen Alice: eine Superhelden-Geburtstagstorte, eine mano cornuta-Hand auf einem Flammenmeer oder eine M&M’s-Hochzeitstorte. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Anett Noster freut sich über die manchmal irren Ideen ihrer Kundinnen und Kunden und setzt diese mit Leidenschaft um. „Bei mir bestellt niemand rote Marzipan-Rosen“, erzählt sie schmunzelnd. Mir bleibt das Lachen ein wenig im Halse stecken, meine Tante ist eher der Fall „Rote Marzipan-Rosen“. Für den Sommer hat ein Pärchen bereits ein AIDA-Schiff als Hochzeitstorte vorbestellt. Ich sollte mit meiner Geschenkidee erst einmal in Klausur gehen, denke ich.

… und manchmal eben auch Brathühner

„Besonders außergewöhnlich war der Wunsch nach einer Brathuhn-Torte für eine Kunstperformance“, erzählt die Tortenmacherin lachend. Sie zeigt mir ein Foto und ich bin perplex: Eine Torte, die wie ein knusprig-fettiges Brathuhn aussieht, nicht schlecht. Wer sowas kann, kann sicher noch viel mehr. Beispielsweise eine Schuhkarton-Torte mit dem Schriftzug „Shopping Queen“, mit der ein Mann seine schuhverrückten Freundin beglückte. Das Foto liegt vor mir, ich könnte es sonst kaum glauben.

Und wo wären die Grenzen?, hake ich nach. „Bisher habe ich alle Wünsche umgesetzt. Bei politischen Motiven würde ich nicht mitmachen – und ich glaube, auch beim Taj Mahal wäre mein handwerkliches Limit erreicht.“

Und wer entdeckt hier Queen Elisabeth?

Und wer entdeckt hier Queen Elisabeth II.?

Nach fünf Jahren als Marketing-Projektmanagerin hatte die Anglistin und Tortenliebhaberin genug von Werbung und Theorie und wollte etwas ganz Anderes ausprobieren. Nach einem Praktikum in einer Konditorei ging sie erneut nach England, um sich bei den britischen Tea Rooms einiges in Sachen Inventar, Gestaltung und Konzept abzugucken.

Bewusst entschied sie sich bei der Suche nach einem Ladenlokal für eine ruhigere Ecke ohne ständige Laufkundschaft – so kann sie im hinteren Bereich ihre Torten kreieren und telefonisch oder persönlich beraten. „Ins White Rabbit kommen die Leute gezielt, sie betrachten meinen Tea Room eher als einen Ausflugsort denn als bloßes Café“, freut sich Anett Noster. „Es gibt sogar Stammkunden, die aus Weyhe hierher kommen.“ In diesem Moment klingelt das Telefon: Eine eilige Reservierung für den Nachmittag, wer sagt’s denn.

Cupcakes soweit das Auge reicht...

Cupcakes soweit das Auge reicht…

Ja, ich gebe zu: Ich sterbe für ein Caramel Shortbread!

Es gab schon Tage, an denen musste ich selbst bei strömendem Regen das Haus verlassen, um mir ein Caramel Shortbread aus dem White Rabbit zu holen. Eine Art Twix in Donauwellen-Format, nur eben viel leckerer. Auch die anderen süßen Versuchungen haben es bei meinem heutigen Besuch in sich; bei den fruchtigen Tropifrutti-Törtchen und den Cupcakes Vanille-Passionfrucht könnte ich schwach werden. Doch zuhause liegen noch ein paar Schokoladen-Osterhasen, die verdienen ebenfalls meine Aufmerksamkeit. Oder ich gehe mal wieder joggen. Und dabei könnte ich dann ja in Ruhe über die Geschenkidee für meine Tante nachdenken…

Ein Kleinod am Café-Himmel – ein wenig abseits gelegen, aber umso lohnenswerter für einen Besuch! Die Straßenbahn-Linien 2 und 10 halten fast vor der Haustür (Haltestelle „Am Hulsberg“). Das White Rabbit nimmt Tisch-Reservierungen unter der Telefonnummer 0421 69695215 entgegen und berät sicherlich auch gerne, wenn es um eine vierstöckige Stadtmusikanten-Torte oder eine Weser-Stadion-Torte geht.

Ein Kommentar zu “Very british: Ein Tea Room und ein weißes Kaninchen

  1. Simone says:

    Toll! Genau solche süßen Tipps werde ich mir für meinen Bremen-Besuch im Dezember vormerken. :-)
    Liebe Grüße
    Simone aus Stuttgart

Kommentieren

Ihre E-Mail wird nicht veröffentlicht. Notwendige Felder sind markiert *